Kirchen gehen neue Wege

Über Nutzung der Kollekten wird künftig vor Ort entschieden

Kollektenaufkommen ging im Corona-Jahr zurück: Weil weniger Menschen die Gottesdienste besuchten, wurde auch weniger Geld in die Klingelbeutel gesteckt. In den katholischen Kirchen durften die ohnehin nicht mehr herumgereicht werden. „Die Kollekte am Ausgang haben dann viele vergessen“, sagt Pfarrer Michael Sippel.
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Kollektenaufkommen ging im Corona-Jahr zurück: Weil weniger Menschen die Gottesdienste besuchten, wurde auch weniger Geld in die Klingelbeutel gesteckt. In den katholischen Kirchen durften die ohnehin nicht mehr herumgereicht werden. „Die Kollekte am Ausgang haben dann viele vergessen“, sagt Pfarrer Michael Sippel.

Ab diesem Jahr können die evangelischen Kirchengemeinden im Werra-Meißner-Kreis die im Gottesdienst gesammelten Kollekten freier für die eigene Arbeit einsetzen.

Werra-Meißner – Möglich wird das durch eine Änderung der Kollektenordnung der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck (EKKW): Statt bisher 30 müssen die Gemeinden nur noch zehn Kollekten pro Jahr komplett an die Landeskirche abgeben.

Künftig gehen von jeder der rund 55 vor Ort verbleibenden Kollekten am Jahresende 85 Prozent in einen Gemeindetopf. 15 Prozent werden für überregionale Empfänger wie Altenheimarbeit, Bahnhofsmission, Telefonseelsorge, Kirchenmusik, Jugendarbeit oder Friedensarbeit eingesetzt – die auch schon vorher über den Kollektenplan der Landeskirche gefördert wurde.

Auslöser ist eine Sparmaßnahme, erklärt Pfarrer Lars Hillebold, Referatsleiter Gottesdienst bei der EKKW. So sollen Verwaltungskosten und Buchungsaufwand reduziert werden. „Bargeld ist teuer“, sagt Hillebold. Kleingeldzählungen und Einzahlungen bei einer Bank kosteten heute oft mehr als fünf Euro, viele Einzel-Buchungen verursachten hohen Aufwand.

2019 erhielt die EKKW 190,4 Millionen Euro aus der Kirchensteuer und 1,3 Millionen Euro aus den Kollekten. Wie Dekanin Ulrike Laakmann mitteilt, wurden im Jahr 2019 im Gebiet des heutigen Kirchenkreises Werra-Meißner insgesamt 378 453 Euro an Kollekten gesammelt – 159 030 Euro wurden an die EKKW abgegeben, der Rest blieb in den Gemeinden. Spenden für Bauprojekte wurden extra gesammelt.

Laakmann findet die neue Kollektenordnung gut: „Es ist eine Umstellung, die sich buchstäblich auszahlt.“ Der Aufwand sinke in den Gemeinden, im Kirchenkreisamt und bei der Landeskirche. Mitverantwortung und Spielräume würden für die Kirchengemeinden gestärkt. Sie können „ihre 85 Prozent“ für die Arbeit vor Ort einsetzen, aber auch Teile weitergeben, etwa an die Partnerkirchenkreise in Kamerun, Indien und Estland, sagt Laakmann. Weitere mögliche Adressaten seien etwa die Evangelische Familienbildungsstätte und der Diakonische Betreuungsverein.

So ist die Lage bei katholischen Gemeinden 

Auch im katholischen Bistum Fulda machen die Kollekten nur einen Bruchteil der Einnahmen aus. 2019 kamen 75,7 Prozent (104 Mio. Euro) der Erträge aus der Kirchensteuer, nur 0,24 Prozent (330 000 Euro) aus Kollekten/Spenden. Jedem Gottesdienst wird ein Zweck zugewiesen – Kollekten für Hilfswerke oder die Priesterausbildung werden weitergeleitet, die für Gemeinden bleiben komplett vor Ort. Zahlen für den Werra-Meißner-Kreis werden nicht erhoben, sagt ein Sprecher.

Der Klingelbeutel geht rum – das ist in vielen Kirchengemeinden ein normaler Bestandteil der Gottesdienste. Wie wichtig ist diese Spendensammlung für christliche Glaubensgemeinschaften? Wir haben bei Protestanten, Katholiken und Landeskirchlicher Gemeinschaft nachgefragt.

Was ist Ziel der Kollekte?

Beim Sammeln der Kollekte geht es nicht nur um Geld, betont Pfarrer Lars Hillebold vom Referat Gottesdienst bei der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck (EKKW). Sie habe auch eine Bedeutung für den Glauben und das Konzept der christlichen Nächstenliebe: „Die Kollekte ist bewusst eine Gabe für die eigene Gemeinde und besonders auch für andere.“ Sie sei eine Sammlung und weniger eine Einzelspende und liege im Schnitt bei einem Euro pro Person. Sie zeige „wie man als Gemeinschaft mit eher geringen einzelnen Mitteln Großes erreichen kann“, so Hillebold.

Dabei sei es egal, ob die Empfänger Mitglied der Kirche seien. Ziel sei es, Menschen zu helfen, die keine andere Förderung bekommen, erklärt Hillebold. So sei etwa die Hospizbewegung aufgebaut worden, die lange kein Geld von Staat oder Pflegekassen erhielt.

Wofür dürfen die Gemeinden Kollekten einsetzen?

Für kirchliche und diakonische Einrichtungen, Projekte, Gruppen und Vereine, sagt Hillebold. An welche, können die Gemeinden selbst entscheiden. Beispiele seien die Arbeit in Altenheimen und Kindergärten, die Jugendarbeit oder die Kirchenmusik, man könne auch Frauenhaus und Telefonseelsorge unterstützen oder etwas Neues wie eine Pilgerkirche aufbauen.

Geht der Trend der eigenständigen Gemeinden in Richtung „Community Kirchen“ wie in den USA, die sich zumeist über Spenden finanzieren?

„Diese ausgeprägte amerikanische Spendenkultur haben wir so nicht“, sagt Hillebold. „Aber die Eigenständigkeit der Gemeinden wird mit der neuen Ordnung betont.“ Angesichts zurückgehender Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinbrüche müssen die Gemeinden seit Jahren Spenden einwerben. Es gebe eigens dafür geschulte Mitarbeiter, Kirchengemeinden würden auch selbst kreativ.

Welche Rolle spielt die Pandemie für das Kollektenaufkommen?

Die Änderung der Kollektenordnung hat mit der Pandemie nichts zu tun, so Hillebold. Sie war bereits 2015 als Teil eines kirchenweiten Sparprogramms von der Landessynode beschlossen worden, um Abläufe beim Verwalten der Kollekte effizienter und günstiger zu machen. Für 2020 zeichnet sich ein sehr geringes Kollektenaufkommen ab, weil deutlich weniger Menschen die Gottesdienste besuchten, sagt Hillebold.

Wie entwickelt sich das Spendenaufkommen per Überweisung?

„Zugleich gibt es bundesweit Hinweise darauf, dass „trotz“ oder auch „wegen“ Corona mehr gespendet wird, als zunächst befürchtet: Denn viele Menschen sehen die durch die Pandemie ausgelöste Not in anderen Ländern“, so Robert Eberle, Sprecher des Bistums Fulda. Viele Menschen mit guten Jobs hätten 2020 durch den Ausfall von Reisen weniger ausgeben können und seien daher spendenbereit, wie das Hilfswerk Misereor berichtet.

Daher haben katholische und evangelische Kirchen ein gemeinsames Spendenportal für die Hilfsorganisationen „Adveniat“ und „Brot für die Welt“ erstellt, wo man digital seine Weihnachtskollekte abgeben und Solidarität mit den Armen in aller Welt zum Ausdruck bringen kann:

Wie ist die Lage bei den Kollekten anderer Glaubensgemeinschaften?

Auch im katholischen Bistum Fulda sind 2020 viele Kollekten ausgefallen, sagt Eberle. Das Kollektenaufkommen für die Hilfswerke lag mit 634 000 Euro von Januar bis Oktober fast ein Drittel unter dem Vorjahreswert von 972 000 Euro. Die Gaben für die Aktivitäten im Bistum sanken von 151 000 Euro (Jahr 2019) auf 100 000 Euro (2020). Einzelspenden vor Ort in den Kirchengemeinden habe es zwar gegeben, aber das habe die Einnahmeverluste bei den Kollekten nicht ausgeglichen.

Immerhin: Die Hilfszahlungen des Bistums für die eigene Arbeit wurden noch nicht reduziert. Da weniger Geflüchtete nach Deutschland kamen als gedacht, habe man dafür vorgesehenes Geld für Menschen verwendet, die durch Corona in Notlagen geraten sind, sagt Eberle. Pfarrer Michael Sippel vom im Pastoralverbund St. Gabriel Werra-Meißner fürchtet Einschnitte eher bei der Kirchensteuer, deren Einnahmen durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit zurückgehe.

Bei der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Hessisch Lichtenau hätten immer mal wieder Mitglieder nach der Kontonummer gefragt, berichtet Pastor Frank Wachsmuth. Es habe weniger Kollekten, aber mehr direkte Spenden gegeben. Der enge Kontakt, den die Gemeinschaft etwa über das Verteilen von Predigten gehalten habe, zahle sich auch finanziell aus. „Die Leute merken: Wir lassen sie nicht allein.“ Mit der Dankbarkeit steige die Spendenbereitschaft.  

(Friederike Steensen)

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