Montagsinterview

Geschäftsführer über Geo-Naturpark: „Region muss als Einheit auftreten“

Blütenmeer bei Germerode: Die Mohnblumenfelder sind schon seit Jahren eine der Hauptattraktionen im Werra-Meißner-Kreis. 20 000 Touristen bestaunen jedes Jahr die rosa Pracht.
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Blütenmeer bei Germerode: Die Mohnblumenfelder sind schon seit Jahren eine der Hauptattraktionen im Werra-Meißner-Kreis. 20 000 Touristen bestaunen jedes Jahr die rosa Pracht.

Wie sind Tourismus und Naturschutz vereinbar? Wie waren die Anfänge? Und was könnte noch besser sein? Darüber sprachen wir mit dem Geschäftsführer des Geo-Naturparks Frau-Holle-Land.

Werra-Meißner – Überall im Werra-Meißner-Kreis ist sie sichtbar, die Arbeit des Geo-Naturparks Frau-Holle-Land. Mal in Form von neu angelegten Premiumwanderwegen wie jetzt der P 25 bei Kleinalmerode, mal beim Radeln auf dem Werratal-Radweg, mal in Form von Naturschutzgebieten. In der aktuellen Zeit sind besonders viele Menschen in den Wäldern unterwegs.

Wir sprachen mit Marco Lenarduzzi, Geschäftsführer des Geo-Naturparks Frau-Holle-Land:

Herr Lenarduzzi, was bedeutet Ihnen die Natur?
Naturschutz begleitet mich schon das ganze Leben. Der Drang zur Natur kam bereits als Kind aus mir heraus. Besonders die Vogelwelt fasziniert mich. Meine Eltern kamen in den 1960er-Jahren aus Italien nach Deutschland. Meine Familie blieb damals eher mit anderen Italienern unter sich. Für mich als Kind hat die Integration in die Gesellschaft daher mit den Naturschutzvereinen angefangen, in die ich als Kind schon eingetreten bin. Und ich wollte eigentlich nie bei einem Naturpark arbeiten.
Warum?
Ich war aus den 1970er-Jahren so geprägt, dass ich dachte, der Mensch sei das Problem, wir bräuchten Schutzgebiete ohne Menschen. Und ein Naturpark dagegen versucht, den Menschen in das Schutzgebiet zu integrieren. Heute weiß ich: Der Wert eines Naturparks ist enorm. Und Naturschutz klappt nicht, wenn man den Menschen ausschließt.
Wie sind Sie dann beim Geo-Naturpark gelandet?
Ich hatte vorher eine Funktionsstelle im Bereich Naturschutz beim Forstamt in Bad Sooden-Allendorf. Damit habe ich die Geschäftsführung des damaligen Naturparks Meißner-Kaufunger Wald unterstützt – so hieß der Geo-Naturpark früher. Ab 2004 habe ich dann die Geschäftsführung übernommen.
Wie war der Naturpark damals aufgestellt?
Zu meiner halben Stelle als Geschäftsführer hatte ich nur eine 400-Euro-Kraft für das Büro. Das war die ganze Ausstattung. Als ich anfing, gab es ein paar Bänke und Wanderwege im Wald. Auch wurde früher der Naturschutz noch nicht so stark ins Auge gefasst wie heute. Damals ging es mehr um das Verwalten des Zustandes. Mittlerweile haben wir 27 Mitarbeiter. Ein super Team, ohne das unsere ganzen Vorhaben nicht umsetzbar wären.
Was hat Ihr Team in dieser Zeit erreicht?
Anfang der 2000er-Jahre haben wir die europäischen Schutzgebiete bekommen. Dadurch wurde der Naturschutz erheblich gestärkt. Wir haben auch mehrere Naturschutzprojekte – wie Schaf schafft Landschaft – und einen Landschaftspflegeverband integriert. Es gibt ein gutes Wanderwegenetz, das auch per App begleitet werden kann. Zudem haben wir eine gute Radinfrastruktur, die wir weiter ausbauen, ebenso wie die Kanuinfrastruktur, Mohnblüte in drei Dörfern und die Kirschblüte in Witzenhausen. Daran arbeiten wir nicht alleine, sondern mit vielen Partnern zusammen, wie den Kommunen, Landwirten, Schäfern. Das macht uns stark.
Wie ist der Geo-Naturpark außerdem organisiert?
Wir richten uns nach vier Säulen: Naturschutz, Umweltbildung, Tourismus und Regionalentwicklung. Das wollen wir alles vereinen. Naturparks haben die Aufgabe, Menschen in die Natur zu führen, die Natur aber gleichzeitig zu schützen. Jede Säule für sich ist wichtig, aber erst in der Kombination kommen wir zu guten Ergebnissen.
Wie lässt sich Naturschutz mit Tourismus verbinden?
Das hört sich erst mal schwierig an. Aber der Mensch ist auch ein Teil der Natur. Wenn man Artenreichtum erhalten will, braucht man den Menschen, der ihn pflegt. Der Mensch schützt aber nur das, was er kennt und liebt. Deswegen ist es auch unsere Aufgabe, die Menschen auch in diese Gebiete zu lenken, damit Touristen und Einheimische die Region kennenlernen. Das ist nicht immer einfach. Aber es lässt sich gut umsetzen.
Wie zum Beispiel?
Wir haben 25 Premiumwanderwege, die bewusst so angelegt sind, dass bestimmte Gebiete nicht durch die Wanderer berührt werden. 95 Prozent der Wanderer, das gilt für Touristen, bleiben auf den Wegen, weil sie speziell ausgesucht und gut beschildert sind. Damit hat man eine stark lenkende Funktion. Dadurch lässt sich Tourismus und Naturschutz geschickt kombinieren.
Was ist, wenn das nicht der Fall ist?
Wenn wir Wanderwege angelegt haben und würden nach ein paar Jahren feststellen, dass die Natur dadurch Schaden nimmt, dann müssten wir über Änderungen nachdenken, teilweiser Rückbau ist nicht ausgeschlossen. Aber das war bisher nicht der Fall. Denn gleichzeitig pflegen wir die Naturschutzgebiete. Dabei haben sich viele Pflanzen und Tierbestände positiv entwickelt. Die letzte Untersuchung durch Beauftragte für die europäischen Schutzgebiete in Teilen des Geo-Naturparks sind gerade abgeschlossen. Die Biotope haben sich nachweislich verbessert – trotz Tourismus.
Wie sehen Sie den Tourismus im Landkreis?
Der Tourismus im Werra-Meißner-Kreis hat erhebliche Fortschritte gemacht in den vergangenen Jahren. Es geht bei den meisten aber noch recht provinziell zu. Wenn man sich die Internetplattformen der einzelnen Städte und Gemeinden anschaut, wird häufig nur die eigene Kommune beworben. Das ist zu wenig. Das ist zu klein gedacht.
Was wäre denn besser?
Das regionsweite Denken fehlt noch. Man sollte das Gesamtportfolio der Region darstellen und unbedingt einheitlich auftreten – unabhängig von der Kommunengrenze. Die Region muss im Internet als Einheit dargestellt werden, als begehrenswerte Region, in der man länger bleiben will. Die Angebote der Kommunen im Geo-Naturpark geben das locker her. Dabei stärkt das Gesamtangebot der Kommunen die einzelne Kommune. Die Region Geo-Naturpark muss sich dabei in jeder Kommune widerspiegeln, besonders für den Gast. Auch muss die Digitalisierung ausgeschöpft werden, gerade bei der Onlinebuchbarkeit. Da sind noch viele alte Zöpfe unterwegs.

Von Jessica Sippel

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