„Altersarmut ist weiblich“

Geschlechtergerechtigkeit im Kreis scheitert an Arbeit und Geld

Euro-Münzen in der Hand einer älteren Person
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Von Armut gefährdet sind besonders Frauen, die wenig in die Rentenkassen einbezahlt haben.

Mehr als ein Jahrhundert, nachdem am 12. November 1918 das Frauenwahlrecht beschlossen wurde, ist die Gleichstellung der Geschlechter noch lange nicht erreicht – auch nicht im Werra-Meißner-Kreis. Frauen seien besonders wirtschaftlich benachteiligt, weiß Thekla Rotermund-Capar vom Gleichstellungsbüro Werra-Meißner.

Sie übernähmen zwei Drittel der Fürsorgearbeit, zum Beispiel in Haushalt, Ehrenamt, bei der Kinder- oder Altenpflege, arbeiteten häufiger in Teilzeit und würden weniger Geld zurücklegen. „Altersarmut ist weiblich“, bilanziert die Gleichstellungsbeauftragte. Hier sieht sie ein großes Problem.

Teilzeit bleibt Problem

Dass Frauen wirtschaftlich noch nicht gleichauf sind, zeigen auch die Eckdaten des Arbeitsmarktes. Zwar sind im Werra-Meißner-Kreis ähnlich viele Frauen wie Männer sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Sie arbeiten jedoch fünfmal so häufig in Teilzeit: 9535 Frauen und 11739 Männer hatten am 30. April diesen Jahres einen Teilzeitjob. Das hat laut Rotermund-Capar viele Gründe: „Die Zugangsvoraussetzungen in den Beruf haben sich erheblich verbessert. Es kippt, wenn die Frauen schwanger werden.“

Wenn Frauen dann voll erwerbstätig bleiben wollten, müssten auch Männer mehr Familienarbeit übernehmen. Das werde heute hauptsächlich von der Wirtschaft blockiert. Aus ihren Beratungen weiß Rotermund-Capar: „Die Männer wollen mehr Elternzeit nehmen, aber die Unternehmen lassen es noch nicht zu.“

Auch Männer unterstützen

In ihrer Arbeit wolle sie sich daher auch speziell an Männer richten und diese „dabei unterstützen, dass sie mutig werden und Elternzeit nehmen“. Gleichberechtigung solle schließlich das Leben aller verbessern.

Frauen verdienen weniger

Doch auch bei voller Berufstätigkeit verdienen Frauen im Kreis pro Monat weniger: Durchschnittlich 2733 Euro brutto erhielten sie zum Stichtag 31. Dezember 2020. Die Männer verdienten 3155 Euro – fast 400 Euro mehr pro Monat. Die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern, auch Gender Pay Gap genannt, liegt in Hessen bei gleicher Ausbildung, Berufserfahrung und Tätigkeit noch immer bei 5,5 Prozent.

Politik noch männlich dominiert

Problematisch werde das spätestens im Alter, sagt Rotermund-Capar. Doch auch vorher sei wichtig, dass Frauen sich einbringen, im Beruf und in der Politik. „Mittlerweile gibt es wieder aufsteigende Politikerinnen im Kreis“, sagt sie. Lange sei das nicht so gewesen. Auch heute sind Frauen in der Politik eine Minderheit: Nur 20 der 61 Kreistagsabgeordneten sind Frauen. An der Rathausspitze steht in keiner der 16 Kommunen eine Frau, wohl aber mittlerweile im Landratsamt.

Bildung als Lösung

Rotermund-Capar will diese Probleme angehen und junge Menschen in ihrer Selbstbestimmung stärken: „Ich kann nicht alles verändern, aber ich kann Ressourcen stärken“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Dafür will sie auch weiterhin werben, Seminare anleiten, Frauenreisen organisieren und mit Veranstaltungen wie dem Mädchen- und Jungenzukunftstag auf das Thema aufmerksam machen.

Besonders Frauen sollten sich bilden und qualifizieren: „Bildung ist der Schlüssel“, meint Rotermund-Capar. Durch Bildung sei die Frauenbewegung schon immer vorangekommen – wie vor 103 Jahren, als gebildete Frauen das Frauenwahlrecht erkämpften.

Von Alina Andraczek

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