Gewalt gegen Polizei und Retter nimmt zu

Im Straßenverkehr ist die Aggressivität besonders groß: Unser Foto zeigt, wie drei Männer nach einem Unfall die Arbeit von Rettungskräften und Polizei behindern. Im Werra-Meißner-Kreis sind körperliche Übergriffe auf Retter bislang eine Rarität, allerdings nehmen Beschimpfungen und beleidigende Gesten stark zu. Mit gewaltbereiten Tätern bekommen es eher Polizisten zu tun. Foto:  Bick/dpa

Werra-Meißner. Immer häufiger werden Polizisten und Rettungskräfte Opfer verbaler und körperlicher Attacken, obwohl sie oftmals ihr Leben riskieren, um Menschen zu helfen. Der Deutsche Feuerwehrverband forderte deshalb kürzlich eine Gesetzesänderung, die härtere Strafen für Täter vorsieht.

Auch im Werra-Meißner-Kreis kam es bereits zu Übergriffen. Das belegen die Zahlen der Kriminalstatistik.

Demnach kam es 2016 in 14 Fällen zu Widerstand gegen Polizisten, „also Schlagen, Treten oder sonstige aktive Gegenwehr, beispielsweise gegen eine Fesselung“, erläutert Sprecher Jörg Künstler. Zwölf Beamte erlitten dabei Verletzungen. „Dieser prozentual hohe Anteil zeigt, dass die Gewaltbereitschaft gestiegen und die Hemmschwelle gesunken ist“, sagt Künstler.

Auch Hans-Heinz Staude, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes Werra-Meißner, hat in den vergangenen Jahren beobachtet, dass die Aggressivität gegenüber Rettern zugenommen hat. „Das zeigt sich vor allem im Straßenverkehr, beispielsweise wenn Feuerwehrleute wegen eines Unfalls die Straße sperren müssen. Keiner hat mehr Zeit, viele Auto- und Lkw-Fahrer stehen unter Stress. Da kommt es häufiger zu Beleidigungen und eindeutigen Gesten wie erhobenen Mittelfingern.“ Bei anderen Einsätzen wie Bränden sei dies selten der Fall. Auch körperliche Angriffe habe es in den vergangenen Jahren kaum gegeben. Sollte sich die Situation aber verschärfen, müsse die Feuerwehr über Deeskalationsschulungen in der Ausbildung nachdenken, sagt Staude. Kreissprecher Jörg Klinge bestätigte auf Nachfrage, dass es kein zentrales Angebot gebe, um Feuerwehrleute auf mögliche Übergriffe vorzubereiten.

Anders ist das bei den Sanitätern des Roten Kreuzes: Das Personal werde dahingehend geschult, in kritischen Situationen beruhigend einzuwirken, sagt Bernd Knobel, Leiter des Witzenhäuser Rettungsdienstes.

„Leck’ mich am Arsch!“ - „Müsst ihr Vollidioten hier jetzt rumstehen?“ - „Du kannst mich mal!“ - „Wegen euch Blödmännern muss ich jetzt Umwege fahren!“ So hört es sich heutzutage öfter an, wenn Feuerwehrleute ihren Job machen, also beispielsweise eine Straße sperren, weil sie überschwemmt ist oder es einen Unfall gegeben hat. Das berichtet Hans-Heinz Staude, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes Werra-Meißner.

Die Gewalt gegen Einsatzkräfte der Feuerwehren beschränke sich aber im ländlich geprägten Werra-Meißner-Kreis bislang fast ausschließlich auf Beschimpfungen, Beleidigungen, erhobene Mittelfinger und Ignoranz. „Die Menschen sind rabiater im Umgang geworden“, sagt Staude, der leider zahlreiche Beispiele dafür kennt. „Während des Hochwassers hatten wir vor einigen Jahren die Ludwigsteinkurve gesperrt. Ein Lkw-Fahrer wollte das nicht einsehen, fuhr einfach durch die Absperrung hindurch und blieb natürlich stecken,“ erinnert er sich.

Vom oft unverschämten, beleidigenden Verhalten gestresster Autofahrer dürfen Feuerwehrleute sich dennoch nicht provozieren lassen, auch wenn das manchmal sicher schwerfällt. „Aber das haben wir gut im Griff“, sagt Staude. „Auf dumme Kommentare reagieren wir nicht. Und Bordstein-Kommandanten - also Besserwisser, die unsere Einsätze am Rand beobachten - gibt es immer genug.“

Sollte eine Situation dennoch eskalieren, ziehen die Feuerwehrleute die Polizei zur Verstärkung hinzu. Ebenso gehen auch die Rettungskräfte des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) vor. Denn Hilfsmittel, um sich selbst zu schützen, gibt es nicht. „Wir halten nichts davon, unser Personal mit Pfefferspray oder Ähnlichem zu bewaffnen‘“, sagt Bernd Knobel, Leiter des Witzenhäuser DRK-Rettungsdienstes. Bislang seien ihm aber auch keine Fälle bekannt, bei denen das Rettungsdienstpersonal körperlich angegangen wurde. „Was hin und wieder vorkommt, sind verbale Attacken. Besonders wenn bei den Beteiligten Alkohol im Spiel ist“, so Knobel.

Auch bei den Einsatzkräften der Feuerwehr sind körperliche Angriffe bislang eine Seltenheit. Wie man sich dagegen verteidigt, spielt deshalb in der Ausbildung keine Rolle und ist auch in der Führungskräfteausbildung der Landesfeuerwehrschule nur ein geringer Bestandteil.

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