Glosse über einen Spiegelredakteur in Witzenhausen

Glosse: Irrungen in der Provinz - ein Spiegelredakteur in Witzenhausen

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Der Nordbahnhof in Witzenhausen

Witzenhausen. Spiegel-Redakteur Boris Breyer berichtete kürzlich in der Online-Ausgabe des renommierten Wochenmagazins über eine extreme Öko-Bewegung von Studenten in Witzenhausen.

Den Artikel beginnt der Journalist mit einer Zugverspätung, einem verwaisten Bahnhof, eingeschlagenen Fenstern und einem Kopfsteinpflaster-Martkplatz. Nordhessen ist arm und strukturschwach. So lautet sein Fazit. Augenzeugen berichten seit einigen Tagen von einem Mann, der kürzlich auffällig durch Witzenhausen irrte. Gibt es da einen Zusammenhang?

12.32 Uhr: Der Regionalzug aus Neu-Eichenberg fährt erstaunlich pünktlich mit leichter Verspätung am Nordbahnhof in Witzenhausen ein. Ein Mann steigt aus: Hornbrille, grauer Mantel, roter Schal, wirres Haar. „Ich bin Boris Breyer - Spiegel-Redakteur“, ruft er den Wartenden am Bahnsteig zu. Niemand reagiert. „Aus Berlin“, fügt er hinzu. Stille. Er wirft den roten Schal über die Schulter und verschwindet Richtung Innenstadt.

12.45 Uhr: Der Mann huscht über den Marktplatz, blickt in jede Ecke. Er bleibt mit der Schuhspitze im historischen Kopfsteinpflaster hängen, stolpert, fällt hin: Sein iPad mit der Aufschrift „Spiegel-Leser wissen mehr“ fliegt krachend durch die Fensterscheibe eines türkischen Spezialitäten-Restaurants. Dem Mann fließt Blut aus einer klaffenden Stirnwunde. Als Passanten ihm aufhelfen wollen, ruft er: „Scheiß Provinz, scheiß Auftrag.“ Er notiert sich auf der Rückseite seiner Fahrkarte „Kopfsteinpflaster“ und „eingeschlagene Fensterscheibe“. Dann wankt er mit dem ramponierten iPad zum nächsten Taxi, steigt ein, murmelt etwas von „Südbahnhof“.

12.50 Uhr: Dort angekommen sucht er den Fahrkartenschalter, findet aber nur ein Fachgeschäft für Tiernahrung. Der kompetente Verkäufer erklärt, dass er sich zum falschen Bahnhof habe fahren lassen. Der Südbahnhof ist seit Jahrzehnten stillgelegt.

12.51 Uhr: Der Spiegel-Redakteur kauft ein getrocknetes Schweineohr und setzt sich auf den stillgelegten Bahnsteig. Kauend beginnt er auf dem flackernden Bildschirm des iPad zu tippen: „In einem verwaisten Bahnhof in Witzenhausen…“

Von Max Holscher

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