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Wahrzeichen des Netratals: Das Gotteshaus in Netra beherbergt seltene Kunstschätze

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Von: Emily Spanel

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Verleiht dem Ortsbild Netras Charakter: die Kirche mit ihrem imposanten Turm. Im Kopf des Turmes wurden bei den jeweiligen Reparaturen Urkunden eingelegt, die bis in das Jahr 1616 zurückreichen.
Verleiht dem Ortsbild Netras Charakter: die Kirche mit ihrem imposanten Turm. Im Kopf des Turmes wurden bei den jeweiligen Reparaturen Urkunden eingelegt, die bis in das Jahr 1616 zurückreichen. © Emily Spanel

Netra. 85 Gotteshäuser der evangelischen Kirche gibt es im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung – jede Kirche hat mindestens eine spannende Geschichte zu erzählen. Dieses Mal an der Reihe: die Kirche von Netra.

Der mächtige Netraer Kirchturm, flankiert von vier Wachhäuschen, ist nichts weniger als das Wahrzeichen des Netratals. Bereits aus vielen Kilometern Entfernung ist er auszumachen, und auch aus der Ferne büßt er keinen Deut seiner überwältigenden Imposanz ein. 

Der Kirchturm ist es auch, der als einziger Bestandteil der ursprünglichen gotischen Kirche zu Netra erhalten blieb. Kriege, die im Ort wüteten, Blitzeinschläge und verheerende Feuer hat er von 1480 bis zum heutigen Tag überstanden; fest und unerschütterlich.

Im Inneren der Kirche ist es der Altarraum unter dem Turm, welcher die vielen Schätze des Gotteshauses beherbergt: Die wertvollen Reste eines 1708 durch ein Gewitter beschädigten Flügelaltars etwa – ein Beweinungsaltar. Ein Teilstück zeigt den heiligen Christopherus, Schutzpatron der Reisenden, ein anderes die Beweinung Christi. Der unbekannte Meister der im Hochrelief ausgeführten, wohl um 1450 entstandenen Holzschnitzerei dürfte der Erfurter Mönchsschule zuzuordnen sein, weiß Pfarrerin Andrea Kaiser.

Blick über die Schulter der Figur Johannes des Täufers: Die Kirche zu Netra ist zweckmäßig gebaut. Das reich verzierte Orgelprospekt wurde um 1730 eingebaut. Es war ein Legat der Frau des Pfarrers Curäus (1608 bis 1644).
Blick über die Schulter der Figur Johannes des Täufers: Die Kirche zu Netra ist zweckmäßig gebaut. Das reich verzierte Orgelprospekt wurde um 1730 eingebaut. Es war ein Legat der Frau des Pfarrers Curäus (1608 bis 1644). © Emily Spanel

Drei der geretteten Figuren – der Gekreuzigte, Maria sowie Johannes der Täufer – zieren den Altar. „Weitere Bestandteile des beschädigten Altars wurden vom damaligen Pfarrer Karl Schuchhardt (Dienstzeit in Netra: 1871 bis 1874) gegen neue Abendmahlsgeräte eingetauscht, die sich noch heute im Besitz der Pfarrei befinden“, sagt Pfarrerin Andrea Kaiser. Die besonders wertvolle, über 500 Jahre alte Taufschale habe ebenso über alle Zeiten und Wirren hinweg gerettet werden können.

Die Kirche in Netra wurde 1842 als zweckmäßiger Bau errichtet

Die Kirche selbst wurde um 1842 nach dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit, ohne Anpassung an den Baustil des gotischen Kirchturms, errichtet. Das Gotteshaus erfüllt die Kriterien einer Biedermeierkirche: Der Innenraum ist streng klassizistisch ausgestaltet, Verzierungen fehlen nahezu völlig, und ausgerichtet ist er ganz auf den Predigtgottesdienst. Das Gotteshaus wurde an der Stelle der ehemaligen, nach dem Apostel Jakob benannten St. Jakobuskirche erbaut.

Zweckmäßig: Das Gotteshaus von Netra erfüllt die Kriterien einer Biedermeierkirche.
Zweckmäßig: Das Gotteshaus von Netra erfüllt die Kriterien einer Biedermeierkirche. © Emily Spanel

Im Jahr 1952 schließlich folgten unter Pfarrer Happel umfassende Renovierungsarbeiten im Inneren der Kirche. „Dabei wurde der alte Chorraum, der bis dato durch eine Bretterwand vom Kirchenschiff abgetrennt war, wieder harmonisch in den Innenraum eingegliedert“, sagt Andrea Kaiser.

1978 begannen weitere Arbeiten der Außen- und Innensanierung. Dabei wurde unter anderem das Kirchendach komplett erneuert; der Fußboden wurde mit Sandsteinplatten ausgelegt, das Gestühl im Kirchenschiff und auf den Emporen erneuert sowie die Emporen von drei auf zwei reduziert. Das Gotteshaus wurde mit einem neuen Anstrich versehen, welcher die Originalfarben des Jahres 1842 wieder hervorbrachte.

Auf Umwegen zur Glocke: Vier Besonderheiten und Geheimnisse der Kirche zu Netra

Mit einer ganzen Reihe an Besonderheiten und Geheimnissen wartet das Gotteshaus in Netra auf. Wir lüften vier davon:

Rarität: Evangelische Kirche mit Reliquienbüsten

Alles andere als gewöhnlich: Die evangelische Kirche zu Netra beherbergt zwei Reliquienbüsten. 

Büste: Durch das Glasfenster waren einst die Reliquien zu bestaunen.
Büste: Durch das Glasfenster waren einst die Reliquien zu bestaunen. © Emily Spanel

Die Seltenheiten sind seit dem vergangenen Jahr wieder im Altarraum zu bestaunen – zuvor verbrachten sie gut ein Jahrzehnt als Leihgabe an ein Mühlhäuser Museum. „Als St. Jakobuskirche“, vermutet Pfarrerin Andrea Kaiser, seien in den Netraer Büsten einst wohl Reliquien des Apostels Jakob aufbewahrt worden.

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