War die Kirche zunächst eine Herberge?

Die Kirche im Dorf lassen (3): Die verlassene Kirchenruine von Weißenbach

 Die Kirchenruine von Weißenbach.
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Sie darf seit Jahrzehnten nicht mehr betreten werden: die Kirchenruine von Weißenbach.

47 Gotteshäuser der evangelischen Kirche gibt es im ehemaligen Kirchenkreis Witzenhausen. Jedes hat mindestens eine spannende Geschichte zu erzählen. Heute steht die Kirche in Weißenbach im Fokus.

Weißenbach – Dass ein Dorf mit weniger als 200 Einwohnern gleich zwei Kirchen hat, ist ungewöhnlich. Die alte Kirche von Weißenbach ist heute auch nur noch eine Ruine, dafür eine bauhistorisch interessante, mit einer immer noch weitgehend unklaren Geschichte.

Ziemlich sicher ist nur, dass Weißenbach Ende des 16. Jahrhunderts zur Filiale des Pfarramts in Dudenrode wurde – einmal wird die Jahreszahl 1569 genannt, ein anderes Mal 1585 (zusammen mit Hilgershausen). Bis 1588 soll der Landgraf von Hessen-Kassel Patronatsherr gewesen sein. Belegt ist auch, dass das Dorf Weißenbach 1342 als hessisches Pfand an die adlige Familie von Hundelshausen vergeben wurde.

Baudetails des Gebäudes, das aus unbehauenen Steinen errichtet ist, weisen weiter in die Vergangenheit. So ist im ungewöhnlich massiven, viereckigen Turm immer noch ein zugemauerter romanischer Bogen erkennbar – was auf eine Entstehungszeit vor 1250 hindeutet. Eine Steinbank, die über einem wohl nachträglich eingesetzten Fenster liegt, trägt die Jahreszahl 1266. Es liegt nahe, dass das Gebäude zu jener Zeit mit der ehemaligen „Gelsterburg“ bei Weißenbach in Verbindung steht. Die Spornburg könnte um 1150 als Ritter- oder Ministerialen-Burg erbaut worden sein. Sie wurde 1284 zerstört. Dann gehörten Dorf und Kirche (damals vielleicht nur eine Kapelle) zur Burg.

Historische Aufnahme von 1936: Die Kirche noch mit Dach auf dem Saal, daneben die alte Schule.

1983 jedoch besuchte der pensionierte Kustos des Instituts für geschichtliche Landeskunde in Marburg, Dr. Willi Görich, Weißenbach. Er inspizierte die Ruinen und entwarf ein etwas anderes Bild: Die Kirche soll ein Wehrbau sein. Nach Görich könnte das Gebäude der Kirchenruine ursprünglich als befestigte Herberge mit wehrhaftem Saal und Turm erbaut worden sein – lange vor 1150. Dafür spräche die Lage an der Gablung von Königswegen, die seit dem Frühmittelalter über den Meißner führten. In der Unterkunft könnten königliche Reisende übernachtet haben. Zwei nahegelegene Maierhöfe seien für die Versorgung zuständig gewesen. Im Saal hätten die Reisenden gebetet, sodass dieser auch von den die Herberge versorgenden Bauern als Schutz- und Gebetsraum benutzt worden sei. Im Turm ist auf der Westseite heute ein gotischer Bogen als Eingang erhalten.

Spätestens bis Ende des 16. Jahrhundert muss das Gebäude zur Kirche für die Bauern des Dorfes geworden sein. Zwischen 1818 und 1835 wurde die Südwand des Saals um zwei Meter nach außen versetzt und mit behauenen Steinen aufgemauert, sodass man eine Empore anbringen konnte. Zudem erhielt die Kirche eine neue Eingangstür auf der Nordseite. 1851 wurden zwei Glocken, 1874 eine Orgel angeschafft.

Georg Seitz, der Kirchenälteste von Weißenbach

Im März 1964 musste die Kirche gesperrt werden: Teile des Dorfs stehen auf einem Senkungsgebiet. Im Untergrund aus Kalk und Gips sind Wasserläufe entstanden, dadurch sank die Erde ein. Schon länger hatten sich Risse im Mauerwerk gebildet. Als 1961 eine nahe Straße um drei Meter einbrach, handelten die Behörden. Das Dach über dem Saal hat die Kirche seither eingebüßt, sie steht heute als malerische Ruine da. Eine Zeit lang konnte die Kirchenglocke vom Nachbarhaus aus, dem Geburtshaus des heutigen Kirchenältesten Georg Seitz, bedient werden. 1969 wurde in Weißenbach eine neue Kirche gebaut. (Kristin Weber)

Serie „Die Kirche im Dorf lassen“

Eine spätbarocke Saalkirche und einem Taufstein von 1569 findet man in Dudenrode.

Sie wurde gebaut, weil die Gemeinde zu groß geworden war - und später wieder verkleinert: Die Dorfkirche von Orferode.

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