Vor 100 Jahren: Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg in Großalmerode

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Vorbereitung auf den Wehrdienst: Ab 1914 gab es im Ort ein Kriegsjugendwehr.

Großalmerode. Mit dem Ersten Weltkrieg begann der Sturz in die Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Auch in Großalmerode glaubte man in frenetischer Erwartung an einen „Spaziergang nach Paris". Wie viele Landsleute hielten die Männer aus der Tonstadt Deutschland für unschlagbar.

Der 1. August war ein sonniger Samstag in Großalermode. 18.25 Uhr erhielt Bürgermeister Weichel ein Telegramm: „Mobilmachung befohlen. Erster Mobilmachungstag: Sonntag, 2. August!“ Damit war das Gerücht bestätigt, das schon am Vorabend für begeisterte Kundgebungen auf dem Marktplatz und auf den Straßen gesorgt hatte.

Acht Minuten nach Eingang des Mobilmachungsbefehls erfolgte durch den Stadtdiener Kohlhase die Bekanntmachung durch die „Schelle". Als Bürgermeister Weichel das Rathaus verließ, bestürmten ihn zahlreiche Bürger, die schon auf den Straßen standen, mit ihren Fragen. „Ja, es geht los!“, antwortete der Bürgermeister. Viele Männer eilten nach Hause, um Vorbereitungen für die Abreise am folgenden Tage zu treffen.

Unter Hurra-Rufen und patriotischen Liedern wurde die Mobilmachung bis in die Nacht gefeiert. Mit einem Frühgottesdienst und Abendmahlfeier am folgenden Morgen um 8 Uhr im Vereinshaus - die Kirche befand sich noch im Umbau - wurden die Einberufenen von Pfarrer Holzapfel mit einer ergreifenden Abschiedspredigt verabschiedet: „Manche Träne wurde geweint und wohl auch mancher Entschluss gefasst, dem Herrn und Heiland zu leben!“ Der Pfarrer berichtet in der Pfarrchronik: „Wenigstens von einem Landwehrmanne (...) wurde mir bei seinem Abschied freudig bekannt: ‚Am vorigen Sonntag habe ich meinen Heiland gefunden; und nun kann ich getrost hinausziehen!’ Und wie gut war es, dass er seinen Heiland gefunden; denn nach Verlauf einiger Monate starb er auf dem Feld der Ehren.“

Am Nachmittag und Abend dieses Tages reisten die ersten Reservisten und Landwehrleute ab. Mitglieder der Turngemeinde und des Landwehr-Kriegervereins wurden in Vereinslokalen verabschiedet.

Weltkriegs-Soldaten aus Großalmerode: Dieses historische Bild zeigt Veteranen aus dem Ort mit Angehörigen. Die Abbildung stammt aus der privaten Lichtbildsammlung unseres Autors.

Ein aufgeregtes Treiben herrschte in den ersten Tagen nach der Mobilmachung. Telegramme an die Ortsbehörden gaben Weisung, durchfahrende Automobile anzuhalten und die Ausweispapiere der Insassen zu prüfen.

Mit dieser Aufgabe wurden Ortspolizisten und königliche Förster, unterstützt von bewaffneten Mitgliedern des Schützenvereins, beauftragt.

Am 5. August fand der erste angeordnete „Kriegsbußtag-Gottesdienst“ im Vereinshaus statt, der so gut besucht war, dass beide Säle für die Gäste nicht ausreichten. Pfarrer Holzapfel predigte am offenen Fenster, damit die Menge vor dem Haus zuhören konnte.

96 Männer aus Großalermode fielen im Ersten Weltkrieg. Nach einer Namenliste der Pfarrchronik waren 314 Einwohner Soldaten dieses Krieges. Demnach kehrten 35 Prozent nicht in ihre Heimat zurück.

Von Hermann Nobel

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