Arzt aus Herleshausen nahm DDR-Abschiebehäftlinge in Empfang

Ehemaliger Eisenbahn-Grenzübergang: Hier nahm Dr. Hans-Peter Marsch die ausgewiesenen Häftlinge in Empfang. An die große Glocke gehängt hat der Herleshäuser sein Engagement nie. Foto: Konopka

Herleshausen. Während der Zeit der deutsch-deutschen Teilung kaufte die Bundesrepublik Deutschland immer wieder Häftlinge von der DDR frei. Dr. Hans-Peter Marsch aus Herleshausen nahm sie in Empfang.

Es ist Samstag, 13. Februar 1982, Punkt 15 Uhr, als ein Rettungswagen des Deutschen Roten Kreuzes die Grenze zwischen Herleshausen und dem thüringischen Wartha passiert. Zügig biegt er in die Garageneinfahrt des Bahnwärterhäuschens ein. In Sekundenschnelle schließt sich das massive Tor hinter dem Fahrzeug.

An Bord befinden sich neben dem Fahrer zwei Sanitäter und Hans-Peter Marsch, damals 38-jähriger Allgemeinmediziner aus Herleshausen. Sechs teils uniformierte Staatssicherheits-Beamte warten bereits auf die Gruppe. Marsch ist vom DRK Eschwege beauftragt worden, von der Bundesrepublik freigekaufte Abschiebehäftlinge in Empfang zu nehmen und medizinisch zu versorgen. Was sich hinter dem Tor abspielt, bleibt der Öffentlichkeit verborgen.

„Die Atmosphäre war beklemmend“, erinnert sich Marsch heute. Beim Sortieren von Praxisunterlagen war ihm sein blaues Notizbuch in die Hände gefallen. Jede Untersuchung hat er damals darauf dokumentiert. „Die Übergabe dauerte nur wenige Minuten“, sagt Marsch. Die DDR-Kollegen nannten ihm die Diagnose, dann wurde der Abschiebehäftling in den westdeutschen Rotkreuz-Wagen verladen.

„Alle Patienten blieben für mich namenlos“, sagt der heute 71-Jährige. Meist hätten sie an psychischen Auffälligkeiten gelitten. In Erinnerung geblieben ist dem Herleshäuser der Fall eines damals 24-Jährigen aus Jena. Dieser war eigentlich offiziell aus der DDR ausgereist. Vorgeblich aus Heimweh sperrte er sich aber selbst in die Toilettenkabine eines Zuges, um so über die innerdeutsche Grenze zurück in seine thüringische Heimat zu gelangen. Noch im Zug wurde er aufgegriffen und später wieder ausgewiesen.

54 Menschen empfangen 

54 Frauen und Männer hat der Herleshäuser in Empfang genommen; den letzten Patienten am 16. November 1989.„Der Mann, der im Haftkrankenhaus Leipzig saß, hatte einen Schlaganfall erlitten“, erinnert sich der Arzt. Dieser Patient habe sich 1993 wieder gemeldet. „Weil er im Nachhinein ein Attest wollte“, sagt Marsch. Bis heute blieb er der Einzige.

Die Untersuchungen in seiner Herleshäuser Praxis hätten meist eine halbe Stunde gedauert. Abgerechnet wurde das als privatärztliche Leistung. Dann habe Marsch entschieden, ob der Patient in eine medizinische Einrichtung überwiesen werden muss. „Die meisten Abschiebehäftlinge hatten Verwandte im Westen und sind dort untergekommen“, sagt Marsch.

Hintergrund

Der Grenzübergang Wartha/Herleshausen war einer der wenigen mit dem Auto zu passierenden Grenzpunkte zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland. Er lag an der Europastraße 40 zwischen den Gemeinden Herleshausen (Hessen) und Wartha (Thüringen). Bis 1963 konnten am Bahnhof Wartha Personen mit der Bahn die Grenze überschreiten, danach diente der Übergang bis 1978 noch dem Güterverkehr. Ab 1973 fand hier auch der sogenannte „Kleine Grenzverkehr“ statt. Heute werden Teile des Geländes durch die Raststätte Eisenach eingenommen. (esp)

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