Für seinen Enkel war er ein Agent

Harald Lisson wurde bis zum Mauerfall von der Stasi überwacht

Besuch im Grenzmuseum Schifflersgrund: Harald Lisson ist hier häufiger Gast und stellt Nachforschungen an, nachdem er nach einem Grenzzwischenfall 1973 ins Visier der Stasi geraten war.
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Besuch im Grenzmuseum Schifflersgrund: Harald Lisson ist hier häufiger Gast und stellt Nachforschungen an, nachdem er nach einem Grenzzwischenfall 1973 ins Visier der Stasi geraten war.

Für den neunjährigen Stanley aus Erfurt ist sein Opa eine Art James Bond. Großvater Harald Lisson (69) geriet bis zum Ende der DDR 1989 ins Visier des Staatsicherheitsdienstes. Die Stasi und die Volkspolizei verhörten ihn häufig, Auslandsreisen wurden gestoppt und ein Studium der Elektrotechnik hintertrieben. Alles nur, weil der frühere Angehörige der DDR-Grenztruppe gewagt hatte, einem Reiseleiter in Schweden zu schreiben.

Erfurt/Schwebda/Herleshausen – Rückblende: Am Vormittag des 20. April 1973, Karfreitag, wurde eine fünfköpfige schwedische Reisegruppe bei einer Grenzbesichtigung östlich von Schwebda mit Waffengewalt gezwungen, den Grenzzaun zu überwinden und nach Thüringen zu kommen. Die Gruppe, die in Eschwege zu Gast war, darunter eine schwangere Frau, galt als Grenzverletzerin. In der Truppenunterkunft in Geismar wurden die Schweden festgesetzt. Bis zum Verhör wurden sie unter anderem von Harald Lisson bewacht. Der Reiseleiter war kontaktfreudig und steckte Lisson einen Zettel mit seiner Heimatadresse zu. Am gleichen Abend wurden die fünf über Herleshausen in den Westen abgeschoben.

Einfach mal nach Schweben schreiben

Wenige Wochen später wurde Lisson regulär aus der Grenztruppe entlassen. Der damals 19-Jährige beschloss, „aus Neugier“ mal nach Schweden zu schreiben. Nach zwei Wochen bekam er Antwort, man vereinbarte ein Treffen in Leipzig. Dazu kam es auch. Nach der Rückkehr nach Erfurt stand ein Volkspolizist vor der Tür und forderte Lisson auf, mit zur Wache zu kommen.

Hier gab es stundenlange Verhöre – im Raum stand eine „staatsfeindliche Verbindungsaufnahme“. Lisson: „Ich war mir keiner Schuld bewusst und hielt den Kontakt aufrecht.“ Das hatte für ihn Folgen bis 1989. Immer wieder setzte ihm die Staatsmacht zu. Bei Reisen in die östlichen Bruderländer, nach Bulgarien und Ungarn, wurde er aus den Reisegruppen geholt und verhört: Verdacht auf Republikflucht.

Berufliche Schikanen

Der Elektriker bewarb sich in der DDR später an drei Ingenieurschulen, und wurde stets abgelehnt. 1976 war er als Teamleiter bei Arbeiten an einer Trafstostation im Grenzgebiet vorgesehen – auch das durchkreuzte die Stasi. Schikanen auch bei einer Reise nach Warschau, wo sich der heute 69-Jährige mit dem Schweden treffen wollte. Lisson stand 16 Jahre unter Dauer-Beobachtung.

„Mit dem Fall der Mauer brach für mich eine neue Zeit an. Wir waren frei und konnten verreisen ohne Genehmigung und Verhöre.“ Im Sommer 2016 entschloss sich Harald Lisson dazu, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, unter anderem mit Hilfe des Archivs des Grenzmuseums Schifflersgrund.

Er beantragt Einsicht bei der Stasi-Unterlagenbehörde in die Stasi-Akte. „Der Inhalt war für mich ein Schock“, sagt er heute. Man hatte über viele Jahre gegen ihn ermittelt, wegen landesverräterischer Agententätigkeit. Enkel Stanley fand das ganze höchst aufregend. „Opa, das ist cool, du warst ein Agent.“ (Werner Keller)

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