Spagat zwischen Ehrenamt und Beruf

Wehrführer Mario Mißler im Interview: "Ein gutes Team ist wichtig"

Herleshausen. Zu wenige junge Menschen erklären sich bereit, Verantwortung in Führungspositionen zu übernehmen. Nicht so in Herleshausen.

Als Wehrführer leitet der erst 29-jährige Mario Mißler die Geschicke der Ortsteilfeuerwehr mit 40 Aktiven – und dass, obwohl er beruflich im 70 Kilometer entfernten Kassel tätig ist. In der vergangenen Woche sprachen wir mit ihm über seine Tätigkeit. 

Vier Jahre sprichwörtlicher Spagat zwischen Ehrenamt in Herleshausen und beruflicher Tätigkeit in Kassel: Wie halten Sie das durch?

Mario Mißler: (lacht) In erster Linie mit einer guten Organisation. Einen Großteil der Verwaltungsaufgaben – Sitzungen, Besprechungen, Termine – erledige ich am Wochenende, wenn ich in Herleshausen bin. Unter der Woche greife ich auf die Möglichkeiten zurück, die Internet, Telefon und moderne Kommunikationsmedien bieten. Am wichtigsten aber ist mir ein gutes Führungsteam vor Ort, welches Aufgaben wahrnimmt und mein Vertrauen besitzt. Seit vier Jahren sind die Lasten auf mehreren Schultern verteilt – und das klappt hervorragend. Jeder weiß genau, was er zu tun hat.

Da bleibt nicht viel Freizeit übrig ...

Mißler: Nein, viel Freizeit bleibt nicht, deswegen gehört persönliche Motivation und eine gewisse Ideologie dazu. Ich bin sogar überzeugt davon, dass die persönliche Eignung einer Führungskraft noch etwas wichtiger ist als die fachliche Qualifikation. Natürlich sind meine Wochenenden größtenteils mit Feuerwehrterminen ausgefüllt – aber ich bekomme auch viel zurück. Beispielsweise bin ich als Persönlichkeit gereift. Aber vor allem ist die Kommunikation hervorzuheben.

Mit 29 Jahren sind Sie verhältnismäßig jung. Wie setzen Sie sich gegenüber 40 oft erfahreneren Kameraden durch?

Mißler: Eine gesunde Diskussionskultur ist hilfreich. 40 Personen können nicht immer einer Meinung sein, und das ist auch richtig so. Ich fahre ebenso gut damit, auf den reichen Erfahrungsschatz der älteren Kameraden zurückzugreifen, aber auch die Jüngeren einzubinden. Oberste Priorität hat bei mir das Aufrechterhalten dieser Kameradschaft: Unser Team besteht aus jungen und älteren Feuerwehrbegeisterten; alle mit unterschiedlichen Charakteren und verschiedenen Interessen. Dieser Mix macht Spaß und zeichnet Feuerwehren aus.

Welche Aufgaben müssen Sie als Wehrführer noch stemmen?

Mißler: Da kommt einiges zusammen. Zum Beispiel müssen Einsatzpläne und Alarm- und Ausrückeordnungen ausgearbeitet werden. Passiert etwas auf der A 4, ist im Vorfeld genau festgelegt, welche Wehr ausrückt und welches Fahrzeug zuerst das Feuerwehrhaus verlässt. Auch die Einsatznachbereitung kostet mit dem Erstellen von Einsatzberichten viel Zeit. Zusätzlich müssen Beschaffungen geplant und umgesetzt werden. Priorität haben aber auch der Übungsbetrieb sowie die Lehrgangsplanung.

Das alles will gelernt sein und erfordert eine zeitintensive Ausbildung.

Mißler: Korrekt – aber das Fachwissen ist aufgrund der Verantwortung auch erforderlich. Nötig ist zunächst einmal die Grundausbildung, die jede Feuerwehr-Einsatzkraft durchläuft. Zusätzlich muss jeder potenzielle Kandidat einen Gruppenführerlehrgang an der Landesfeuerwehrschule durchlaufen, der zwei Wochen dauert. Dann ist lediglich noch das einwöchige Seminar „Leiter einer Feuerwehr“ nötig.

Aber warum scheuen sich dann viele potenzielle Kandidaten, das Amt zu übernehmen?

Mißler:  Viele junge Menschen ziehen schlicht weg aus der Region, etwa aus beruflichen Gründen. Allein in den vergangenen Jahren haben so drei ausgebildete Gruppenführer Herleshausen verlassen, was schade ist. Außerdem stellt nicht jeder Arbeitgeber seine Mitarbeiter ausreichend lange für das Ehrenamt frei – eine Tatsache, mit der wir zu kämpfen haben. Und nicht zuletzt: Wer Wehrführer ist, übernimmt auch ein riesiges Stück Verantwortung für seine Mitmenschen. Dies stellt für viele eine Überwindung dar.

Von Emily Spanel 

 

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www.ffw-herleshausen.de

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