Abschied der Giganten: Maschinenfabrik Richter stellt heute den Betrieb ein

Der letzte Stahlriese entsteht: Axel Richter, Chef der Maschinenfabrik, vor einer Wasserkraft-Turbine. Der Ring mit zehn Metern Durchmesser wird später aus zwei Halbmonden zusammengesetzt. Es ist der letzte Kundenauftrag, den die Firma noch abarbeitet. Alle Fotos: Bretzler

Hessisch Lichtenau. Nach 70 Jahren schließt die Maschinenfabrik Richter heute die Tore. Wir machten mit Firmenchef Axel Richter einen letzten Rundgang durch die Hallen.

Die riesigen Maschinen haben in der Schweißerei der Maschinenfabrik Richter Abdrücke hinterlassen. Wo sie standen, hat der braune Hallenboden helle Flecke. Aufgeräumt sieht es in den Hallen aus, in Holzkisten sortiert liegen Schrauben, Werkzeuge und Spannmaterial. In den Ecken stehen auf Ständern nach Größe geordnet Bohrer und Fräser und warten auf Abnehmer.

Der Ausverkauf des Hessisch Lichtenauer Traditionsunternehmens hat schon lange begonnen. Auf der Internetseite verkündet Firmenchef Axel Richter die Wahrheit knapp und direkt: „Unser Unternehmen wurde 1945 gegründet und zum 30. September 2015 geschlossen. Wir verkaufen unseren gesamten Maschinenpark.“ Am Anfang tat dem 70-Jährigen das weh, „aber jetzt habe ich damit abgeschlossen“, sagt er. Interessenten für die Spezial-Maschinen gebe es genug, schließlich habe er „keine Sachen von der Stange“. Über 90 Prozent der Anfragen kämen aus dem Ausland. Indien, Rumänien, Frankreich - um nur ein paar Nationalitäten der Käufer zu nennen, die bereits einen Teil der Giganten abtransportiert haben.

In der Mechanik steht Zerspanungsmechaniker Matthias Förster am Computer des Bohrwerkdrehers und überwacht die Produktion des letzten Auftrags, den die Maschinenfabrik für einen Kunden bearbeitet: Eine Turbine für ein Wasserkraftwerk. Der Durchmesser des Stahlkolosses beträgt zehn Meter. Der riesige Ring wird später aus zwei Halbmonden aus Stahl zusammengesetzt.

Letzter Kundenauftrag: Zerspanungsmechaniker Matthias Förster überwacht am Computer die Produktion eines Teils einer Wasserkraft-Turbine. Das Bohrwerk für die gigantischen Teile selbst ist 20,5 Meter mal fünf Meter groß.

Das Turbinen-Oberteil wird derweil noch im Prunkstück des Betriebs bearbeitet: der Karussell-Drehmaschine. Der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) schaute 2009, zur Blütezeit des Unternehmens, persönlich vorbei, um sie einzuweihen. Sechs Millionen Euro hat sie gekostet, „das zahlt mir heute natürlich keiner mehr“, sagt Richter. Auch das Geld für den Umschlagplatz bei Hann. Münden habe er „in der Weser versenkt“. 250 000 Euro hat ihn die Befestigung der Kai-Mauern gekostet, die nötig war, damit Kräne dort sicher stehen können. Er selbst wird dort nichts mehr verschiffen. Vielleicht nutze der Kasseler Wärmetauscher-Spezialist Schmidt’sche Schack, der jetzt unter dem Namen Arvos firmiert, den Anlegeplatz noch, spekuliert er.

Mit Verkauf der Maschinen ist für Axel Richter aber noch nicht alles vorbei. Mit 27 seiner Mitarbeiter, die teilweise wegen langer Betriebszugehörigkeit noch bis Februar 2016 bezahlt werden, stehen noch Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht in Kassel an.

Abschied der Giganten: Maschinenfabrik Richter schließt die Hallen

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