Fortbildung an der Orthopädischer Klinik

Anklage wegen Folter in Syrien: Arzt arbeitete in der Region Kassel 

Orthopädische Klinik in Hessisch Lichtenau, Frontansicht, Lichtenau e.V.
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Als unauffällig, zurückhaltend und sensibel ist den Mitarbeitern der Orthopädischen Klinik der syrische Arzt Alaa M. im Gedächtnis geblieben.

Die Bundesanwaltschaft hat einen syrischen Arzt festnehmen lassen. Er soll einen Mann in einem Gefängnis in Syrien gefoltert haben. Auch in der Region Kassel hat er zwischenzeitlich gearbeitet.

  • Arzt aus Syrien in Hessen festgenommen
  • Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt
  • Er soll in der Region Kassel gearbeitet haben

Hessisch Lichtenau - Der Arzt Alaa M. aus Syrien ist wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit festgenommen worden, wie die Generalbundesanwaltschaft am Montag bekannt gab. Ein Ärztesuchportal führt ihn als Orthopäden in Hessisch Lichtenau (HNA berichtete). Von Anfang 2018 bis März 2019 arbeitete er bei der Orthopädischen Klinik, wie Matthias Adler, kaufmännischer Vorstand von Lichtenau e.V., auf Anfrage bestätigt.

Anklage wegen Folter in Syrien: Auch in Rehaklinik in der Region Kassel tätig gewesen

„Laut dem Lebenslauf hat er nicht in Homs, sondern in einer Klinik in Damaskus gearbeitet“, sagt Adler. Dazu hätte es beglaubigte Übersetzungen der Unterlagen gegeben. In Deutschland soll er vorher in einer Rehaklinik in Bad Wildungen tätig gewesen sein. Seine Ausbildung in Syrien sei zum großen Teil von der Landesärztekammer als Facharzt anerkannt worden. In Hessisch Lichtenau in der Region Kassel war der Arzt aus Syrien für eine Weiterbildungsassistenz zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Danach ging er nach Bayern, später nach Göttingen, berichten die Vertreter von Lichtenau e.V.. Das sei für eine Facharztweiterbildung üblich.

„Auch wenn man will, könnte man die sechs Jahre Ausbildung nicht nur bei uns machen“, so Pressesprecherin Anna Walter. „In der Belegschaft galt er als unauffällig, sensibel, ruhig und zurückhaltend“, sagt Adler. Auch sei er offenbar nie mit Berichten über die Lage in Syrien in Erscheinung getreten. Der Klinikleitung seien keine Auffälligkeiten von Alaa M. gemeldet worden. Als Assistenzarzt sei er nicht alleinverantwortlich für einen Patienten gewesen, sondern habe stets in Verbindung mit dem betreuenden Arzt behandelt. Es sei nicht auszuschließen, dass er in Hessisch Lichtenau auch ausländische Patienten betreut habe.

Anklage wegen Folter in Syrien: Arzt arbeitete in der Region Kassel

„Es stehen gravierende Menschenrechtsverletzungen im Raum, das müssen die Behörden klären“, sagt Dr. Christian Peukert, theologischer Vorstand von Lichtenau e.V., und warnt vor einer Vorverurteilung. Zur Aufklärung der Situation wolle man einen Beitrag leisten und aus einem neutralen Blickwinkel berichten.

Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wäre das Entsetzen groß. Sowohl Adler als auch Peukert betonen, sie würden Alaa M. nicht persönlich kennen. Sie könnten nur nach der Aktenlage berichten und von Hörensagen aus der Belegschaft. Von den Vorwürfen gegen Alaa M. hätten sie am Montag durch die Anfragen verschiedener Medien erfahren, nicht durch die Ermittlungsbehörden, sagen Peukert und Adler. » 

Arzt aus Syrien war offenbar kaum bekannt: Kollegen aus der Region Kassel mahnen vor Vorverurteilung

Der verhaftete syrische Orthopäde Alaa M., der 2015 nach Deutschland einreiste, arbeitete bis Ende 2017 in einer Bad Wildunger Reha-Klinik, bevor er nach Hessisch Lichtenau wechselte. Die dortige Klinik bestätigt damit die Angaben einer Nachrichtenplattform der syrischen Opposition namens „Zaman Al-Wasl“ von Anfang Mai.

Unklar ist nach wie vor, in welcher der mehr als 20 Reha-Kliniken in Bad Wildungen und Reinhardshausen der Arzt tätig war. Unter den Menschen mit syrischen Wurzeln in Bad Wildungen ist Alaa M. offenbar kein Begriff. Ute Claßen von der Wildunger Flüchtlingshilfe ViA hat sich auf Anfrage unserer Zeitung unter Familien umgehört, die vor dem Assad-Regime nach Deutschland flohen. „Man kennt sich eigentlich untereinander, aber der Name sagt niemandem etwas“, fasst Ute Claßen zusammen, die auch mit einer syrischen Ärztin sprach. Diese arbeitet seit vielen Jahren selbst in einer Reha-Klinik.

Anklage wegen Folter in Syrien: Lage in Geburtsland schwer zu durchschauen

Auch Dr. Joseph Mahfoud, langjähriger Chefarzt der Gefäßchirurgie am damaligen Wildunger Stadtkrankenhaus, hat von Alaa M. noch nichts gehört. Wie die Klinikleitung in Hessisch Lichtenau mahnt aber auch er zur Vorsicht und dazu, nicht vorzuverurteilen. Zu unübersichtlich und schwer zu durchschauen sei die Lage in seinem Geburtsland.

Der Beitrag auf der Oppositionsseite vom Mai enthält neben den Informationen über Alaa M.s Verbindungen nach Bad Wildungen weitere Angaben, die sich in der Pressemitteilung der Generalstaatsanwaltschaft zur Verhaftung nicht finden. Demnach soll der Arzt vier Jahre lang in Kassel gelebt haben. Pendelte er also nach Bad Wildungen zur Arbeit, hat der als zurückhaltend beschriebene Mann vielleicht keine größeren Kontakte im Reha-Zentrum geknüpft, meint Ute Claßen.

Anklage wegen Folter in Syrien: Syrische Flüchtende in Kassel unter Druck gesetzt?

Der Internet-Artikel enthält den Vorwurf, Alaa M. habe in Kassel syrische Flüchtlinge unter Druck gesetzt, mit Repressionen für ihre Verwandten und ihren Besitz in Syrien gedroht. Und er habe dabei seine Verbindungen zum syrischen Geheimdienst erkennen lassen. Als eine Art Kronzeuge tritt dabei ein zweiter Arzt auf, der kurz zur gleichen Zeit wie M. in dem syrischen Militärgefängnis gearbeitet haben will, in dem der Orthopäde gefoltert haben soll. Und der Beitrag verweist auf den syrischen Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni. Dieser saß selbst in Gefängnissen des Assad-Regimes, floh 2014 nach Deutschland und gründete hier das „Syrische Zentrum für Rechtswissenschaften und Forschung“. Gemeinsam mit anderen Menschenrechtsaktivisten sammelt er Zeugenaussagen und Beweise gegen Folterer und Mörder aus Syrien. Er ist Träger des Menschenrechtspreises des Deutschen Richterbundes.

Seit Ende April verantworten sich zwei höhere Bedienstete des syrischen Geheimdienstes wegen ihrer Verbrechen in Koblenz vor dem Oberlandesgericht. Al-Bunni trat hier schon als Zeuge und Sachverständiger auf, denn einer der Angeklagten soll ihn gefoltert haben. Der Arzt Alaa M. ist damit der dritte mutmaßliche Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes, der in Deutschland wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und weiterer international verfolgbarer Delikte festgenommen wurde.

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