Luftangriff auf Dresden 1945

Bombardierung Dresdens rettete Vater von Fürstenhagener das Leben

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Vor 75 Jahren, zwischen dem 13. und dem 15. Februar 1945, legten vier Bombenangriffe der Alliierten die Stadt Dresden in Schutt und Asche.

„Ohne die Zerstörung Dresdens würde es mich nicht geben.“ Der Fürstenhagener Organist Christian Lehmann meint das sehr ernst. Auf dem Wohnzimmertisch in Helsa liegen verstreut Fotos, aus dem schwarzen Koffer auf dem Fußboden fördert Ehefrau Margret immer weitere hervor.

Sichtung der Familienfotos: Christian Lehmanns Großmutter mütterlicherseits war eine getaufte Jüdin. Sein Vater sollte deportiert werden. 

Die beiden suchen nach einem besonderen Beleg für die Anfangsbemerkung: Die amtliche Postkarte mit der Aufforderung an den Vater, Gerhard Lehmann, sich am 15. Februar 1945 auf dem Güterbahnhof Dresden Friedrichstadt zu melden. Das Reiseziel wurde nicht genannt, war aber klar: Die letzten noch in Dresden lebenden Juden oder auch Halbjuden – unter ihnen Gerhard Lehmann – sollten nach Osten verbracht werden, eine Reise, auch das war klar, ohne Rückfahrt.

Noch mehr Sorgen: Im Diakonissen-Krankenhaus hatte seine Ehefrau Johanna gerade das erste Kind, die kleine Hannelore, zur Welt gebracht. Was der Vater in dieser ausweglosen Situation gedacht hat? „Darüber hat er nicht geredet“.

Gerhard Lehmann war als Luftschutzwart in einer chemischen Fabrik in Heidenau eingesetzt, erlebte dort auch die Bombenangriffe, die das Elbflorenz in eine Ruinenlandschaft verwandelten.

Mit einem Handwagen lief er zum Diakonissen-Krankenhaus. Auch dies war schwer getroffen. Aber die Wöchnerinnen hatte man im Bunker in Sicherheit gebracht.

„Sie hatten nur das, was sie auf dem Leibe trugen“, berichtet Christian Lehmann, „die Mutter das Nachthemd, der Vater einen Mantel, den er ihr anzog“. Die Wohnung war Schutt und Asche.

Und so machten sie sich auf, vom Krankenhaus zunächst nach Pillnitz. Die dort wohnende Waschfrau versorgte, obwohl sie um die Umstände wusste, die kleine Familie mit Kleidung und Nahrung.

Der Himmel, so hat die Mutter immer erzählt, sei blutrot vom brennenden Dresden erleuchtet gewesen. Weiter ging es, immer zu Fuß, über Pirna bis ins Erzgebirge. In einer Waldhütte in der Nähe von Marienberg brachte entfernte Verwandtschaft sie unter. Dort überlebten sie bis zum Ende des Krieges.

Die Anspannung und die Angst waren Joha nna und Gerhard Lehmann auch bei ihrer Hochzeit 1944 anzusehen.

„Das ist das Hochzeitsfoto aus 1944“, erzählt Christian Lehmann. Johanna, geb. Lehmann, hatte ihren Cousin geheiratet. „Wohl auch, um ihm zu helfen“. Man sieht die Anspannungen in den Gesichtern beider. „Das ist der SA-Onkel“, zeigt Christian Lehmann ein weiteres Bild. Der fanatische Bruder zwang seine Mutter mit vorgehaltener Pistole, mit „Heil Hitler“ zu grüßen.

Schlimmer noch: Als Johanna schwanger wurde, zeigte er sie wegen Rassenschande an. „Und das ist Marianne Dobel“. Die gute Freundin der Mutter hat als Angestellte im Polizeipräsidium die Anzeige vom Aktenwagen gestohlen und vernichtet. Ein lebensgefährliches Unterfangen.

Langsam wird verständlich, dass die schrecklichen Bombenangriffe für die Lehmanns die Rettung war. Ein Happy End war es aber nicht, denn die kleine Hannelore starb schon im Herbst, auch wenn das Paar noch zwei Söhne bekam. „Die Mutter ist nie drüber hinweggekommen“, sagt er und: „Der Vater hat kaum über diese Erlebnisse berichtet“.

Foto für Foto zeigt der Musiker: Die Großeltern, der Musikverleger Alfred Lehmann und Ehefrau Marie, geborene Fischl, eine getaufte Jüdin. Selbstbewusst stehen beide da. Menschen, die es zu etwas gebracht haben.

Sie stellten etwas dar, der Musikverleger Alfred Lehmann und seine Ehefrau Marie, geb. Fischl um 1900.

Deutlich vor Augen tritt, welch Unglück die Diktatur der Nationalsozialisten, ihr Rassenwahn und der von ihnen angezettelte Krieg über die Lehmanns gebracht hat. Der jüdischen Großmutter wurde durch ihren frühen Tod 1935 das Leid von Deportation und Lager erspart. Ihren Mann Alfred aber brachte seine Verachtung für die Machthaber ins Konzentrationslager. An den Folgen der Haft verstarb er 1947.

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