„Disziplin ist jetzt gefragt“

Coronavirus: Stimmt der Vergleich mit dem Krieg? Zeitzeugen berichten

Hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt: Konrad Volkhardt, hier mit seiner bereits verstorbenen Frau Anneliese bei ihrer Hochzeit.
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Hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt: Konrad Volkhardt, hier mit seiner bereits verstorbenen Frau Anneliese bei ihrer Hochzeit.

Die Coronakrise sei die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel jüngst gesagt. Doch was sagen Menschen, die den Krieg tatsächlich erlebt haben?

Hessisch Lichtenau – Die Kanzlerin hat recht, sagt Konrad Volkhardt. Vom gesundheitlichen Aspekt her gesehen, sei die jetzige Situation vielleicht sogar eine noch größere Herausforderung. 

Der 99-Jährige könne sich nicht entsinnen, dass damals überhaupt groß Krankheiten ausgebrochen seien – und das, obwohl die Ärzte fast alle an der Front waren. „Zwei Mediziner, die mit dem Fahrrad rumfuhren, war die ganze Versorgung vor Ort.“ Der erste Ausbruch der Grippe sei ziemlich hart gewesen, „aber Schulschließungen wie jetzt hat es nie gegeben“. 

Im Krieg habe es immer mal wieder die Ruhr gegeben, ein blutiger Durchfall, dessen Bakterien meist in unsauberen Gewässern vorkamen. „Die war aber auch im Nu wieder vorbei – und dabei war die Medizin gar nicht so toll.“

Konrad VolkhardtKriegsveteran

Die aktuell zu beobachtenden Hamsterkäufe kann Volkhardt nicht nachvollziehen: „Wenn der Himmel runterfällt, sind sowieso alle Spatzen tot.“. Es sei zum Lachen, dass sich derzeit alle am Klopapier aufhängen würden. Wenn sich jeder vernünftig verhalte, sei für alle genug vorhanden.

Richtiges Toilettenpapier gab es im Krieg gar nicht

 „Wir hatten damals die Kasseler Post und die Hessischen Nachrichten, die wurden mit dem Küchenmesser in vier Teile geschnitten und im Plumpsklo an einen gebogenen Draht gehängt.“ Richtiges Toilettenpapier habe es vor dem Krieg kaum gegeben und während des Kriegs überhaupt nicht. 

„Auch nach Kriegsende gab’s noch nichts und trotzdem ist keiner dran gestorben und es ist nirgendwo eine Seuche ausgebrochen.“ Da man damals länger unterwegs war als heute seien die Viren aufgrund ihrer kurzen Lebensdauer schnell außer Gefecht gesetzt gewesen. 

Das Coronavirus sei eine moderne Krankheit, dessen Pandemie auch auf die Bevölkerungsdichte zurückzuführen sei. Das Deutsche Reich sei fast doppelt so groß gewesen wie Deutschland und habe mit 52 Millionen Einwohnern 30 Millionen weniger gehabt.

Rationierung in den Geschäften könnte gefährlich sein

Volkhardt befürchtet, dass die derzeitige Rationierung seitens der Ladenbesitzer die Situation nur noch verschlimmert: „Dann geht vielleicht eine fünfköpfige Familie einzeln in den Laden, um jeweils die Höchstmenge zu besorgen, und dadurch treffen viel mehr Menschen aufeinander als nötig und können das Virus übertragen.“

Daher appelliert der 99-Jährige an die Vernunft der Menschen, ruft zu Selbstbeherrschung und Disziplin auf. Die Menschen müssten eine gesunde Ehrfurcht vor der Situation kriegen. 

So solle man auch nicht nur wegen einer Zahnpasta zum Supermarkt fahren, sondern das Haus wirklich nur wegen lebensnotwendiger Dinge verlassen. 

Sonst sei es vielleicht bald wieder so schlimm wie zu Kriegszeiten, als die Menschen nur mit Lebensmittelkarten einkaufen konnten. „Das haben wir aber gar nicht nötig, es sind mehr als genug Lebensmittel vorhanden.“

Arztbesuche nicht wegen jeder Kleinigkeit

Genauso sei es mit Arztbesuchen: „Man muss nicht wegen jeder Kleinigkeit, wie einem Schnitt im Finger, zum Arzt gehen“, sagt Volkhardt, der im Krieg die neuen Panzertypen mit Optiken für die Zieleinrichtung ausstattete. 

„Es war ein toller Posten, aber die Luft war sehr eisenhaltig.“ So wurde Volkhardt acht Mal verwundet und musste, als er verwundet in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet, drei Monate durchhalten, bis er ins Krankenhaus gebracht wurde. 

„Wir müssen warten, bis der ‘Schwindel’ vorbei ist“, sagt Volkhardt in Anlehnung an den Lichtenauer Malermeister Jung. „Dieser Laden bleibt so lange geschlossen, bis der Schwindel vorbei ist“, hatte der nach Hitlers Machtergreifung an der Tür seines Farbengeschäfts vermerkt und sich fortan auf Tapezierarbeiten beschränkt. 

Der „Edelkommunist“, wie Volkhardt ihn nennt, sei kurze Zeit später verhaftet und ins Konzentrationslager gebracht worden, kam später aber wieder frei.

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