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Die Kirche im Dorf lassen (22) - Die Kirche in Retterode

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Von: Kristin Weber

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Neue Farbgebung im Inneren seit der Sanierung 2007: Ein freundlich aufeinander abgestimmtes Rosa und Lachsrosa.
Neue Farbgebung im Inneren seit der Sanierung 2007: Ein freundlich aufeinander abgestimmtes Rosa und Lachsrosa. © Kristin Weber

47 Gotteshäuser der evangelischen Kirche gibt es im ehemaligen Kirchenkreis Witzenhausen. Jede Kirche hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Heute: die Kirche in Retterode.

Retterode – Als Datum für den Neubau der Kirche in Retterode gilt das Jahr 1824. Vier Jahre später war sie fertig. Anstelle der älteren, einsturzgefährdeten Kirche wurde das Kirchenschiff als Fachwerkbau errichtet – mit Holz aus den umliegenden Wäldern, den ehemaligen Meysenbug’schen Wäldern. Zum Ausmauern der Gefache verwendet man die Sandsteine der Vorgängerkirche wieder, die somit weiterlebt.

Interessant ist allerdings der wehrhafte Turm, denn der stammt noch aus dem Mittelalter und blieb erhalten. Die wichtige Frage heißt, wann er denn eigentlich errichtet wurde. Allerdings ist diese bis heute ungeklärt.

Fest steht, im Jahr 1303 – damals war Retterode ein Dörfchen, das während des hochmittelalterlichen Landesausbaus auf einer Rodungsfläche angelegt worden war – gab es einen eigenen Pfarrer im Ort. Über die Kirche von damals ist aber nichts bekannt, sie wird erst für das Jahr 1453 bezeugt. Damals soll der Turm errichtet worden sein. Doch viel spricht dafür, dass der untere Teil des Turmes älter ist und er damals nur ein drittes Obergeschoss mit neuen, spitzbogigen Fenstern erhielt, die man bis heute sehen kann.

Der Giebel scheint als ein Treppen- oder Staffelgiebel ausgeführt worden zu sein. Alte Darstellungen der Kirche vom Beginn des 19. Jahrhunderts legen den Schluss nahe, dass das Kirchenschiff kurz und kompakt war mit einem Satteldach, daran schloss sich ein eingezogener Chor mit drei Spitzbogenfenstern an. An der Nordwand gab es noch ein kleineres Gruft-Gebäude.

Möglich ist also, dass der Chor 1453 erbaut wurde, ebenso die Kirchhofsmauern – das Langhaus und der Turm aber schon früher. Noch aus dem Mittelalter stammt auch die Bronzeglocke „Maria“, auch sie könnte 1453 für die Aufstockung des Turmes gegossen worden sein. Die zweite Glocke „Henschel“ stammt von 1791. Belegt ist, dass 1573 an der Kirche gebaut worden war, als der erste nachweisbare evangelische Pfarrers Nikolaus Rosenblath von 1569 bis 1573 das Amt innehatte.

Der Wehrturm der Kirche von Retterode, rechts das Kirchenschiff
Der Wehrturm ist der älteste Teil der Kirche in Retterode. Er wurde spätestens 1453 erbaut – wahrscheinlich eher erweitert –, während das Kirchenschiff 1824 einsturzgefährdet war und als Fachwerkbau mit den alten Steinen neu errichtet wurde. © Kristin Weber

Möglicherweise wurde damals der Taufstein von 1575 in Auftrag gegeben. Er trägt die Initialen CM, was auf den damaligen Gerichtsherrn Christoph von Meysenbug als Stifter hindeutet. Pfarrer war ab 1573 Lambert Collmann, der auch Diakon in Hessisch Lichtenau war.

Die Gruft ist im 18. Jahrhundert angebaut worden und gehörte der Familie von Meysenbug, die seit dem ausgehenden Mittelalter bis 1811 vom Hessischen Landgrafen mit dem Dorf Retterode belehnt war und die Patron der Kirche war. Zwei große Grabplatten von Johann von Meysenbug 1691 und Katharina von Meysenbug (geborene von Hanstein) 1677 sind erhalten geblieben. Katharinas Grab befand sich damals im Chor der Kirche. Im 18. Jahrhundert verschlechterte sich der bauliche Zustand des Kirchenschiffs aber, es bestand Einsturzgefahr, so wurde der Neubau beschlossen.

Im 20. Jahrhundert wurde die Kirche mehrfach ausgebessert und wieder instandgesetzt. Umfangreiche Arbeiten begannen 1959 mit der Erneuerung von Kanzel und Kirchenbänken, dem Einbau einer Heizung und der Isolierung der Wände. Erneuert wurden bis 1974 auch der Kirchturm, der Kirchhof, das Mauerwerk und die Orgel. 1994 wurde die Außenfassade der Kirche saniert und von 1999 bis 2001 der Kirchturm sowie der Dachboden notfallmäßig gesichert.

Pfarrerin Anja Peters (links) und Simone Schäfer vom Kirchenvorstand stehen neben dem Altar
Am Altar: Pfarrerin Anja Peters (links) und Simone Schäfer vom Kirchenvorstand. © Kristin Weber

Dabei wurden weitere Baumängel entdeckt, so dass sich von 2005 bis 2007 eine größere Sanierung des Kirchenschiffs anschloss. Diese Arbeiten kosteten rund 366 000 Euro. Dabei wurde auch die Farbgebung im Inneren der Kirche geändert, wie sich Simone Schäfer vom Kirchenvorstand erinnert. Anstelle blau erstrahlt das Kirchenschiff nun in einem gut aufeinander abgestimmten Rosa und Lachsrosa. Pfarrerin Anja Peters schwärmt besonders von Klang der Bosch-Orgel, der für eine so kleine Dorfkirche beachtlich sei. „Ein wichtiger Gottesdienst, der von vielen Menschen besucht wird, findet in Retterode in der Osternacht statt“, sagt sie.

Trotz der umfassenden Sanierungen bestehen einige bauliche Probleme weiter. Durch die Trockenheit der vergangenen Jahre hat sich der Untergrund und damit der Stand verändert, Balken bewegen sich, neue Risse im Mauerwerk sind entstanden. Die Heizung ist über 30 Jahre alt. Zudem werden gerade Spenden für eine neue Glockensteuerung gesammelt.
Von Kristin Weber

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