Die Wolle muss runter

Auf dem Schießstand in Hessisch Lichtenau werden Schafe geschoren

Warten dicht gedrängt auf die Schur: Wenn die Tiere schwitzen, gleitet das Schermesser besser durch die Wolle.
+
Warten dicht gedrängt auf die Schur: Wenn die Tiere schwitzen, gleitet das Schermesser besser durch die Wolle.

Jetzt ist wieder Zeit der Schafschur. Wie das funktioniert, erklären wir hier.

Hessisch Lichtenau – Schafschur in Hessisch Lichtenau: Daniel Szczapaneks sechsköpfige Kolonne aus dem polnischen Kolberg hat die 520 Tiere von Alexander Schlauch geschoren. Ein-, zweimal im Jahr kommen sie für diese anstrengende Arbeit in die Lossestadt.

Ein Griff unters Kinn, ein Zug am Bein und das Schaf sitzt in der richtigen Position. Mit dem Schermesser in der Hand beugen sich die Arbeiter nach vorne. So können sie die Schafe, die sich teilweise sträuben, umfasst halten. Säßen sie, könnten sich die Tiere losreißen.

„Die Arbeit geht auf den Rücken“, weiß Szczapanek (43). Er schert seit 20 Jahren Schafe. Mit seinem 68-jährigen Vater, der den Beruf seit 50 Jahren ausübt, zwei Brüdern, dem Schwager und einem guten Bekannten ist er jedes Jahr 120 bis 130 Tage in Deutschland unterwegs. Sie reisen von Betrieb zu Betrieb. In ihrer Heimat Polen ist die Schafwirtschaft nach der Wende zusammengebrochen. Ende der 80er-Jahre gab es noch fünf Millionen Tiere, die nicht zuletzt Wolle für Militäruniformen lieferten. Heute werden in Polen nur noch 320 000 Schafe gehalten. In Deutschland gibt es 1,2 Millionen Stück.

„Den Kontakt zum Familienbetrieb Szczapanek hat mir Schäfer Burkhard Ernst aus Großalmerode vermittelt“, freut sich Schlauch. Er schätzt die Arbeit der Polen. Sie seien schnell und behandelten die Tiere gut. Es gebe kein Geschrei und keine Tritte. Das sei bei Schafscherern nicht selbstverständlich.

Schlauch hat seine Tiere zur ehemaligen Standortschießanlage in Hessisch Lichtenaus getrieben. Dort steht ein hohes Zelt. Zum Glück ist es trocken. Bei Regen saugt sich das Fell voll, obwohl es das wasserabweisende Landolin enthält. Die Tiere sind dann jeweils bis zu fünf, sechs Kilogramm schwerer.

Dicht an dicht stehen die Tiere. Wenn sie schwitzen, gleitet das Schermesser besser durch die Wolle. Viele Schafrassen müssen geschoren werden, weil sie ihr Winterfell nicht von alleine verlieren. Im Fell sammelt sich Dreck an. Unter der dichten Wolle sitzen Parasiten, etwa Zecken, und saugen sich mit Blut voll. Steht im Fell die Nässe, können sich wunde Stellen bilden. Fliegen legen auch ihre Eier hinein, die schlüpfenden Maden können die Schafe ernsthaft krank machen. Schäfer Schlauch hält Coburger Füchse. Die genügsame Landschafrasse aus Franken hat ihren Namen vom rötlichen Fell, das vor allem bei den Jungtieren stark ausgeprägt ist. 30 Cent pro Kilogramm Wolle erhält Schlauch, bei höheren Qualitäten auch mehr. Das deckt die Kosten der Schur. Eine Tonne Wolle produzieren seine Tiere im Jahr. Ein süddeutsches Unternehmen stellt aus dem Rohstoff Teppiche her. Für die Wolle von Heidschnucken oder schwarzen Schafen gibt es gar kein Geld. „Das ist bitter, da die Wolle dann auch noch teuer als Sondermüll entsorgt werden muss“, berichtet Schlauch. Der Schäfer verdient sein Geld mit Landschaftspflege, sogenannten Agrarumweltmaßnahmen. Er bewirtschaftet die 200 Hektar Grünland des ehemaligen Truppenübungsplatzes in Hessisch Lichtenau. Dieser gehört seit 2017 zum Nationalen Naturerbe. (Michael Caspar)

Vier Tonnen Wolle liefern Alexander Schlauchs 520 Schafe im Jahr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.