Einst Ordenshof, jetzt Paradies für Sänger

Die Kirche im Dorf lassen: Wechselvolle Zeiten für die Klosterkirche in Reichenbach

Wiederentdeckt: Der Chorbau und das Querhaus der einst kreuzförmigen Klosterkirche sowie die Grundrisse der beiden Vorgängerbauten wurden bei archäologischen Ausgrabungen in den Jahren 1973 bis 197 6 freigelegt. Sie waren lange in Vergessenheit geraten.
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Wiederentdeckt: Der Chorbau und das Querhaus der einst kreuzförmigen Klosterkirche sowie die Grundrisse der beiden Vorgängerbauten wurden bei archäologischen Ausgrabungen in den Jahren 1973 bis 197 6 freigelegt. Sie waren lange in Vergessenheit geraten.

47 Gotteshäuser der evangelischen Kirche gibt es im ehemaligen Kirchenkreis Witzenhausen. Jede Kirche hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Heute: die Klosterkirche Reichenbach.

Reichenbach – Im Früh- und Hochmittelalter war Reichenbach ein bedeutender Ort an der Kreuzung mehrerer Handelswege. 1133 gibt es den ersten Nachweis, wem die befestigte Burg gehörte: dem Grafen Gozmar II. von Reichenbach, Mitglied einer mächtigen hessischen Adelsfamilie.

Doch bereits im 9. und 10. Jahrhundert stand am selben Ort schon eine kleine Saalkirche mit gerundeter Apsis – einem halbrunden Raumteil an der Stirnseite. Das Kirchlein könnte zu einem herrschaftlichen Wirtschaftshof gehört haben. Es könnte sogar eine noch frühere, nicht nachgewiesene Holzkirche gegeben haben. Fest steht nach derzeitigen historischen Forschungen: Um 1000 wird die kleine Kirche abgebrochen und durch eine dreischiffige Basilika mit drei Apsiden ersetzt. Niemand weiß heute, ob der Neubau bereits als Klosterkirche geplant war. Allerdings stiftete die Grafenfamilie hier ein Nonnenkloster.

Neubau in Kreuzform

Im zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts wurde die Klosterkirche noch einmal neu gebaut: Noch größer und mit einem Querhaus in Kreuzform „mit erheblichen Mitteln und von guten Steinmetzen“, wie der Historiker Angus Fowler in der 2007 erschienen Jubiläumsschrift der Kirche festhält. Allerdings verließen die Nonnen den Ort bald und die Kirche stand leer.

Der Familie von Reichenbach-Ziegenhain drohten zudem Konflikte mit dem Landgrafen von Thüringen. Sie entschloss sich, die Kirche zu „neutralisieren“, wie Fowler sagt, und schenkte sie 1207 mit weiteren Gebäuden, Landbesitz und Patronatsrechten dem Deutschen Orden. Dies war nach bisherigen Erkenntnissen die erste größere Schenkung von Besitz an den Deutschen Orden in Deutschland.

Begeistert: Dorothee Holzapfel ist Pfarrerin in der Gemeinde Reichenbach-Hopfelde.

Die Anlage muss damals ein wehrhaft mit Mauer, Graben und Tor umschlossener Ordenshof gewesen sein. Im 15. Jahrhundert wurde der romanische Westturm neu aufgebaut und noch 1755 hatte die Kirche ihren kreuzförmigen Grundriss. „Doch 1788 war die Kirche so baufällig geworden, dass der östliche Teil samt Querhaus abgebrochen wurde“, erklärt Pfarrerin Dorothee Holzapfel. Eigentlich sollte die ganze Kirche abgerissen werden, doch die Reichenbacher weigerten sich, an einem anderen Ort Gottesdienst zu feiern als in ihrer Kirche. Das Gebäude endet nun am Ende des Langhauses, die Wände wurden zur Erhaltung neu aufgezogen. Erst 1973 kamen die vollständigen Fundamente der Kirche und ihrer Vorgängerbauten bei Ausgrabungen wieder ans Licht.

Besondere Ausstattung

Was die Reichenbacher Kirche so besonders macht, ist ihre erhaltene romanische Ausstattung: Ein aus einem einzigen Stein gehauenes Stufenportal begrüßt den Betrachter. Der Kirchenraum mit hohem Mittelschiff und niedrigen Seitenschiffen hat den Charakter der Basilika bewahrt. Als Stützen der Arkadenbögen wechseln sich je zwei Säulen mit einem rechteckigen Pfeiler in der Mitte ab. „Man nennt es den Niedersächsischen Stützenwechsel“, erklärt die Pfarrerin.

Eines der Würfelkapitelle ist figürlich gestaltet und zeigt eine Raubkatze, die einen Wildesel gejagt hat, sowie Vögel, Rebstöcke und einen Basilisken. Gedeutet wird das Motiv als Kampf zwischen Gut und Böse. Die Orgel hat Eberhard Dauphin aus Iba 1722 gefertigt, die Kanzel von 1790 stammt ursprünglich aus der Kirche von Hessisch Lichtenau. Bei der Neugestaltung des Inneren 1955 wurde das Fenster hinter dem Altar, das den „Guten Hirten“ als Bleiverglasung zeigt, entfernt und nach Süden verlegt. Hinter dem Altar wurde dafür ein modernes Fresko angebracht.

Schlicht: Das Langhaus mit der romanischen Raumgliederung, dem „Niedersächsischen Stützenwechsel“, je zwei Säulen und dann ein rechteckiger Pfeiler in der Mitte.

Paradies für Sänger

Heute ist die Kirche mit ihrer guten Akustik ein Paradies für Sänger. „Die Kirche hat einen unfassbaren Klang“, sagt die Pfarrerin. „Ich stelle mir gern vor, wie die Nonnen hier einst zur Nacht den Psalm gesungen haben: ‚Seid nüchtern und wachet, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe’ – und dabei den Löwen auf dem Kapitell betrachtet haben.“ (Kristin Weber)

Packend: Das figürlich verzierte romanische Kapitel zeigt den Kampf zwischen Gut und Böse.

Weitere Kirchengeschichten können Sie unter anderem schon aus folgenden Orten lesen: Sooden, Dudenrode, Hilgershausen, Kammerbach, Weißenbach, Orferode und Unterrieden.

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