Er spricht fünf Sprachen

Farschied Nawabi sorgt als Dolmetscher in der Unterkunft für Verständigung

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Immer unterwegs: Dolmetscher Farschied Nawabi (rechts) übersetzt auch für Mohamad Husseini auf Dari, was in Afghanistan gesprochen wird. Die Hand auf der Schulter gehört zum Alltag. 

Hessisch Lichtenau. Über elf Nationalitäten sprechen hier jeden Tag bis zu 13 Sprachen. Damit sich in der Erstaufnahmeeinrichtung im Senkefeld bei Hessisch Lichtenau diese Menschen verstehen, braucht es jemanden wie Farschied Nawabi.

Er ist 30 Jahre alt, trägt Poloshirt zu Kapuzenpulli, Turnschuhe und Bart. Er spricht deutsch, Dari, Farsi, Paschtu und Urdu. In diesen Sprachen hilft er als Dolmetscher Flüchtlingen, den Alltag in Deutschland zu bewältigen. Manchmal lernt er Wörter anderer Sprachen dazu.

Am Infopoint füllt Nawabi Waschmittel in den leeren Plastikbecher eines eritreischen Bewohners. Er wechselt ein paar Worte mit ihm auf Tigrinisch. Das konnte Nawabi vorher nicht. „Der ganze Alltag ist ein Lernen voneinander.“ Das wichtigste an seiner Arbeit sei, mit den Menschen umgehen zu können.

Als die Einrichtung noch eine Zeltstadt war, hat Farschied Nawabi hier als Sicherheitsmann angefangen. Er selbst ist zwar in Deutschland geboren, aber seine Eltern kommen aus Afghanistan. Zuhause in Lohfelden spricht er Farsi und Dari, hat dort eine eigene Physiotherapiepraxis, die seine schwangere Frau gerade leitet. Er wollte sich etwas dazuverdienen. „Ich fand es schon immer interessant, zu sehen, wie die Leute hier leben.“ Schnell hat er gemerkt, dass er im Senkefeld mehr machen könnte, als für Sicherheit zu sorgen. „Ich wollte auch übersetzen, helfen.“ Das tat er und holte Freunde mit in die Einrichtung, bis fast alle Sprachen besetzt waren. Nawabis Kollegen haben alle einen Migrationshintergrund. Das helfe manchmal.

Die Arbeitsphilosophie in der Einrichtung beschreibt Carsten Huppmann, der Leiter, so: „Wir ziehen alle an einem Strang, sonst funktioniert es nicht“. Seine Dolmetscher seien ein sehr wichtiges Rädchen im Getriebe der Einrichtung. „Die Sprache ist der Schlüssel zu allem.“ Nawabi und Huppmann lächeln sich zu. Sie sind hier alle per Du. Fünf Dolmetscher sind am Tag hier, früher auch zwei in der Nacht.

Nawabi ist der Chefdolmetscher. Er hat alle seine Kollegen eingewiesen, sich mit ihnen hingesetzt und die wichtigsten Regeln erklärt: Keine Aggressionen zeigen, keine religiösen Debatten anstoßen, keine privaten Nummern austauschen. Manche, sagt er, würden es sich dann anders überlegen und wieder gehen.

Für seine Praxis und seine Frau blieb bei einem Arbeitsalltag von zwölf Stunden kaum Zeit. Nach der Schließung der Einrichtung will Nawabi wieder als Physiotherapeut arbeiten. Aber das Dolmetschen hat ihm Spaß gemacht. „Ich könnte mir vorstellen, wieder in einer Unterkunft zu übersetzen.“

Die Frage, die Nawabi immer wieder gestellt wurde, er aber nicht beantworten kann, ist: „Wie lange müssen wir hier bleiben?“ Warten müssen die Bewohner jetzt an einem anderen Ort, in Calden oder Niederzwehren. Ohne Nawabi.

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