Familie lebt jetzt in Zeltstadt in Hessisch Lichtenau

Flüchtlingsfamilie aus Syrien: Das Baby kam auf der Reise

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Viele Familien im Lager: Wenn sie nicht im Zelt sitzen oder warten, gehen die Menschen spazieren.

Hessisch Lichtenau. Waed al-Daher lebt mit ihrem Mann und ihrer zwei Monate alten Tochter in Hessisch Lichtenau. Wir haben sie besucht und ihr eine Wickeltasche, die eine Helferin aus Gießen geschickt hat, übergeben.

Mit wachen Augen blickt sich die zwei Monate alte Joud in ihrem weichen Kuschelanzug auf dem Arm ihrer Mutter auf dem Platz vor dem Flüchtlingslager in Hessisch Lichtenau um. „Sie war so unheimlich unproblematisch, während wir geflohen sind“, sagt ihre Mutter Waed al-Daher.

Die 19-Jährige ist mit ihrem 24-Jährigen Mann von Syrien über die Türkei nach Deutschland geflohen und hat das Baby während ihrer Reise bekommen. Jetzt ist die Familie seit einem Monat in einem Zelt untergebracht. Ihr Ehemann wurde in Syrien als Soldat einberufen, weigerte sich jedoch, Menschen umzubringen. Daraufhin wurde ihm mit Mord gedroht, sagt Waed.

Die Familie floh deshalb im Sommer 2014 in die Türkei, wohin bereits die Eltern und Geschwister von Waed geflüchtet waren. Aus Angst erkannt zu werden, möchte der Ehemann seinen Namen nicht nennen und darf auch auf dem Foto nicht gezeigt werden. „In der Türkei hatten wir ein Haus, mussten dafür aber bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten“, sagt Waed. Sie spricht gut Englisch, Schüler in Syrien lernen laut ihrer Aussage Englisch und Französisch. Ihr Mann spricht kein Englisch.

In der Türkei habe sie sich gefühlt wie im Gefängnis. „Wir waren Sklaven und haben trotzdem unsere Miete nicht bezahlen können“, sagt sie. Sie hat in einer Schule unterrichtet, ihr Mann war Waldarbeiter. Diesen Job verlor er allerdings. Die Familie sei daraufhin in der Türkei umhergezogen, auf der Suche nach Arbeit. Joud wurde in dieser Zeit geboren. Für die Krankenhausgeburt, die ohne Komplikationen verlief, musste Waed viel Geld bezahlen. „Wir hatten nichts mehr, wenig Kleidung, keine Unterkunft.Von anderen Flüchtlingen hörten wir, dass wir in Deutschland sicher und in einem eigenen Haus leben können. Da haben wir uns auf den Weg gemacht.“ Und der war lang und schwer: Von der Türkei sei die Familie mit einem Schleuserboot nach Griechenland gefahren. „Das Boot war vollkommen überfüllt mit Menschen.“ Das Geld für die Überfahrt hatten sie gespart, später schickte der Onkel ihres Mannes Geld, damit sie sicher ankamen, erzählt sie. Von Griechenland seien sie per Bus nach Mazedonien gefahren. „Dort war es schlimm, wir mussten so viel laufen bis unsere Füße gebrannt haben und haben auf der Straße schlafen“, erinnert sich Waed. Sie weiß noch jedes Detail der Reise. „Das werde ich auch nie vergessen, sagt sie.

"Hier fühlen wir uns endlich sicher"

Joud sei in dieser Zeit häufig krank gewesen, da es nachts ohne Dach über dem Kopf so kalt gewesen sei. Über Serbien seien sie dann nach Ungarn gekommen. Unbekannte haben ihnen dort ihre Ausweise gestohlen, sagt Waed. „Von da aus sind wir mit dem Zug endlich nach Deutschland gekommen.“ Da besaß die Familie nur noch die Sachen, die sie am Leib trug. „Wir hatten noch eine Tasche mit Anziehsachen für Joud“, sagt Waed. Von München kam die Familie in das Erstaufnahmelager Gießen. Dort lernte sie Uschi Lanzet-Hallen kennen, eine Helferin.

„Sie hat uns Kleidung gegeben und uns geholfen. Sie wollte uns eine Wickeltasche zukommen lassen, aber wir sind bereits nach einem Tag als eine der ersten Familien mit einem Bus nach Hessisch Lichtenau gefahren“, sagt Waed. Die Helferin wandte sich durch die Berichterstattung über das Lager an die HNA und schickte das Paket an die Redaktion. Redakteurin Leona Nieswandt hat es der Familie übergeben. „Wir sind so unglaublich dankbar“, sagt Waed.

Sie und ihr Ehemann haben bei ihrer Ankunft einen Kinderwagen und Kleidung für Joud erhalten. „Die Deutschen sind so freundlich und hilfsbereit, das hätten wir nie gedacht.“ Im Lager in Hessisch Lichtenau leben sie mit noch einer anderen Familie im Zelt, sechs Personen sind es insgesamt. „Es ist endlich sicher, dort wo wir uns aufhalten, und die Menschen im Lager sind friedlich“. Einzig die Heizung sei nachts zu schwach, es sei sehr kalt. Das läge daran, dass die Nachbarn sie abgeklemmt hätten.

Waed wünscht sich, dass sie hier ihr Ingenieurstudium, das sie begonnen hat, weiterführen kann. „Wir hoffen, dass der Bürgerkrieg in Syrien bald endet, dann können wir wieder zurück in unsere Heimat.“ Bis dahin verbringen ihre Zeit im Lager mit Warten. „Wir sitzen den ganzen Tag nur herum. Überall muss man lange anstehen, bei den Toiletten, beim Essen, beim Duschen. Ich würde lieber etwas sinnvolles machen, um den Menschen hier zu zeigen, wie dankbar wir ihnen sind“, sagt Waed. 

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