Tier tötete zwei Schafe

Aug’ in Aug’ mit dem Luchs: Schafhalter trifft Raubkatze auf Wiese in Fürstenhagen

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Grausiger Fund: Zwei Quessant-Schafe von Mike-Patrick Heinemann aus Fürstenhagen wurden auf ihrer Weide an der Struth von Luchs „Pou“ gerissen. Als Heinemann die Tiere fand, saß der Luchs dahinter im Bereich des Gebüsches nahe dem hölzernen Zaunpfahl.

Ein Luchs hat bei Fürstenhagen (Werra-Meißner-Kreis) am Dienstag zwei Zwergschafe gerissen. Der Schafhalter traf den Luchs noch an - und hat uns von der Begegnung erzählt.

Nachdenklich steht Mike-Patrick Heinemann auf der Wiese, vor seinen Füßen zwei tote Schafe – oder zumindest die Reste davon. Von dem weiblichen Tier sind nur noch Kopf, Beine, Skelett und Innereien übrig, das Hinterteil des Bocks ist angenagt. „Das war eindeutig ein Luchs“, sagt Gerhard Scholz, Luchsbeauftragter für den nördlichen Werra-Meißner-Kreis. „Luchse fressen nur Muskelfleisch, die Eingeweide lassen sie liegen.“ Hunde oder Wölfe dagegen würden bei erlegten Tieren zuerst die Organe fressen.

Um den Täter zu überführen, hätte es die Expertise von Scholz vermutlich gar nicht gebraucht. Denn als Heinemann die toten Tiere am Dienstagvormittag fand, bemerkte er auf einmal drei Meter neben sich ein rötliches Tier: ein Luchs, der seine Beute bewachte. „Er ist dann ruhig aufgestanden und langsam weggegangen“, berichtet Heinemann. „Ich war ganz schön erschrocken. Der Luchs war größer, als ich gedacht hätte.“ Angst habe er keine gehabt, er sei fasziniert gewesen: „Ich habe noch nie einen Luchs in freier Wildbahn gesehen.“

Nachdem er gestört wurde, ging der Luchs ruhig davon. Mike-Patrick Heinemann machte geistesgegenwärtig noch dieses Foto mit seinem Handy.

Eigentlich könnte Heinemann wütend sein: Er hält als Ausgleich zu seinem stressigen Job beim Rettungsdienst Hühner, Gänse und Schafe. Erst ein Jahr besaß er die beiden Quessant-Schafe, er wollte mit der seltenen Rasse züchten. Doch dann machte sich der Luchs über die nur 25 Kilo schweren Tiere her. Zwei größere Schafe, die ebenfalls auf der Koppel an der Struth bei Fürstenhagen standen, ließ er am Leben. „Ich finde es natürlich schade, dass die Schafe tot sind“, sagt Heinemann – und denkt gleichzeitig an den besonderen Anblick des Luchses zurück. 

„Ich ärgere mich nicht. Das ist halt Natur, ein Luchs hat auch Hunger.“ Normalerweise aber nicht auf Schafe, erklärt Gerhard Scholz. „Luchse fressen vor allem Rehe.“ Um sich doch an den Zwergschafen in Fürstenhagen vergreifen zu können, sei der Luchs wohl über den unter Strom stehenden Netzzaun gesprungen, meint Scholz, der sich die Wiese angesehen hat. „Herrn Heinemann ist kein Vorwurf zu machen, er hat seine Schafe ordentlich eingezäunt.“

Dass ein gerissenes Tier so eindeutig einem Luchs zuzuordnen ist, ist laut Scholz außergewöhnlich. Normalerweise bleibt ihm nur, die Haut des getöteten Tiers am Hals abzuziehen und die Einbissstellen zu suchen und zu vermessen. Luchse töten ihre Beute nämlich, indem sie ihr an die Kehle springen und die Luftröhre zudrücken, bis das Opfer erstickt oder an einem Herzschlag stirbt. Obwohl der Übeltäter von Fürstenhagen dank der Fraßspuren und Heinemanns Beobachtung eindeutig scheint, machte Scholz einen weiteren üblichen Test: einen DNA-Abstrich per Wattestäbchen. Das Senckenberg-Institut in Frankfurt wird analysieren, ob die Speichelreste wirklich von einem Luchs stammen.

Weil Luchse, die gestört wurden, oft zu ihrer Beute zurückkehren, wurde Mike-Patrick Heinemann gebeten, die Schafe noch etwas liegen zu lassen und eine Wildkamera aufzuhängen. Vielleicht gelingt noch ein weiterer Blick auf den scheuen Jäger.

Tipps für den Umgang mit Luchsen

Für den Menschen bedeuten die großen Katzen keine Gefahr, betont der Luchsbeauftragte Gerhard Scholz. Wer allerdings einen Luchs an seiner Beute oder mit seinen Jungen trifft und einen Hund dabei hat, sollten diesen sofort anleinen und ruhig davongehen. „Weil Hunde eine ähnliche Größe haben, könnte ein Luchs sie als ernsthafte Konkurrenz ansehen“, sagt Scholz.

Wer einen Luchs gesehen oder ein gerissenes Tier gefunden hat, sollte Scholz direkt unter Tel. 0 55 42/22 28 informieren. Für den südlichen Werra-Meißner-Kreis ist Stephan Boschen, Tel. 0 56 54/98 72 80 der zuständige Luchsbeauftragte. Weitere Infos rund um den Luchs gibt es hier beim Arbeitskreis Hessenluchs.

Wenn ein Luchs Weidetiere reißt, sollten Tierhalter Anfragen auf Entschädigungszahlungen an die Obere Naturschutzbehörde am Regierungspräsidium Kassel richten.

Warum mittlerweile sogar klar ist, welcher Luchs die Schafe riss, lesen Sie in der Freitagsausgabe der HNA-Witzenhäuser Allgemeinen.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

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