Munitionsdepots und alte Industrieanlagen

US-Armee in Hirschhagen: Mann ersteigert historische Fotos

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Foto vom 6. April 1945: Es zeigt einen amerikanischen Soldaten vor der Energiezentrale der Munitionsfabrik Hirschhagen im südwestlichen Teil Hirschhagens. Im Hintergrund das vierstöckige Denitrierungsgebäude.   

Hirschhagen. Das Internetportal Ebay entpuppte sich für den Hobby-Historiker Bernd Spaar aus Fürstenhagen zur Schatzgrube: Er ersteigerte mehrere historische Fotos von Hirschhagen.

„3. U.S. Army-Soldat schaut in die Tür des Speicher-Depots für Munition des getarnten deutschen Munitionswerkes im Wald Nähe Fürstenhagen“ steht in englischer Sprache auf der Rückseite eines Fotos vom 6. April 1945.

Ein zweites Foto zeigt einen US-Soldaten vor dem Kesselhaus einer getarnten Energiezentrale des Munitionswerkes, wo im Hintergrund das Gebäude der Denitrierung zu sehen ist. Da das vierstöckige Denitrierungsgebäude und markante Teile der Energiezentrale noch stehen, konnte Spaar anhand von Lageplan und Gebäudeverzeichnis der Munitionsfabrik den Ort der Aufnahme genau lokalisieren. „Die Aufnahmen sind einfach sensationell, weil aus dieser Zeit von diesem brisanten Ort keine Aufnahmen existieren“, sagte Spaar. Um es für spätere Generationen zu erhalten, möchte er die Aufnahmen auch anderen historisch interessierten Bürgern zur Verfügung stellen.

Anhand der Nummerierung auf den Fotos ist zu vermuten, dass die Amerikaner, die am 2. April 1945 in Hirschhagen einmarschierten, mindestens 97 Fotos gemacht haben. Der Verkäufer, ein Historiker aus Wetzlar, konnte ihm aber nur diese beiden Fotos aus Hirschhagen liefern. Dieser wiederum bezieht seine Fotos von einem Amerikaner, der auf Flohmärkten Fotos vom Zweiten Weltkrieg zusammensucht und an ihn verkauft. „Insofern ist nicht ausgeschlossen, dass das ein oder andere Foto noch auftaucht“, sagt Spaar und will die Angebote im Internet weiter beobachten.

Das Munitionsdepot vermutet er am östlichen Ende in der Nähe des Kühlteiches. Dort waren mehrere Depots angelegt, die von den Amerikanern alle gesprengt wurden. Markant bei der Energiezentrale sind die schräge Mauer zum Fundament des Schornsteins und das Denitrierungsgebäude im Hintergrund. Das Loch für den im Durchmesser etwa 1,20 Meter starken Schornstein ist mit einer Steinplatte abgedeckt.

Fasziniert seit Kindheit

„Hirschhagen war in meiner Kindheit der schönste Abenteuerspielplatz, den sich ein Kind vorstellen kann“, schwärmt Spaar von den Entdeckungstouren mit seinen Freunden. Da sie als Kind die Nutzung nicht kannten, haben sie eine alte Autowerkstatt oder eine Polizeistation in die verlassenen Ruinen hineininterpretiert. Als Mutprobe haben sie sich am „gelben Haus“ (Denitrierungsgebäude) freihändig auf den Balkon im vierten Stock gestellt. „Natürlich durften die Eltern von unseren Entdeckungstouren und der Mutprobe nichts wissen, das war Ehrensache“, so Spaar. Die Energiezentrale und das Gebäude der Denitrierung erreicht man am Ortseingang Hirschhagen, wenn man links in die Einsteinstraße fährt bis zum Ende des Betriebsgeländes der Fa. Angers & Söhne.

Hintergrund: Die Munitionsfabrik Hirschhagen bis 1945

Die Munitionsfabrik Hirschhagen wurde von den Nationalsozialisten 1936 unter dem Tarnnamen „Friedland Werke“ gebaut. Das 233 Hektar große Areal bestand bis 1945 aus 399 Gebäuden. Neben den Produktionsstätten für die Munitionsherstellung gab es auf dem Gebiet drei Energiezentralen, ein Feuerwehr-und Sanitätsgebäude, 16 Aufenthaltsgebäude sowie zwölf Toilettenanlagen. Arbeiteten 1939 etwa 750 Menschen in der Munitionsfabrik, waren es Anfang 1945 über 4400 vorwiegend Dienstverpflichtete und ausländische Zwangsarbeiter. Neben der Herstellung der Sprengstoffe TNT und Pikrin, wurde in Hirschhagen zusätzlich der Sprengstoff Nitropenta zu Munition verarbeitet. Zum Transport von Sprengstoff und Munition diente eine 17 Kilometer lange Werksbahn, die an die Bahnstrecke Kassel - Waldkappel angeschlossen war. Nach der Besetzung durch die Amerikaner wurden 158 Gebäude, darunter auch die ganzen Munitionslager, gesprengt.

Dass es nicht bereits während des Krieges zur Bombardierung kam, bleibt für Spaar noch ein Rätsel. Denn Luftaufnahmen aus dieser Zeit beweisen, dass sowohl einige Häuser, als auch die Schornsteine der Energiezentralen sowie die Bahnlinie um das Gebiet deutlich zu sehen waren. Da die Munitionsfabrik Hirschhagen als eines der modernsten Werke zur Sprengstoffherstellung galt, vermutet Spaar, dass es die Amerikaner auf das Wissen um Aufbau und Abläufe im Werk abgesehen hatten.

Von Hartmut Neugebauer

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