Bei Tokio Hotel im Fotograben - "Wie ein startender Düsenjet"

Schrei!: Die Fans beim Tokio-Hotel-Konzert nahmen den Liedtitel der Band mehr als wörtlich und kreischten, was die Lungenflügel hergaben. Archivfoto: Demmer

Hessisch Lichtenau. Reichlich laut war es vor zehn Jahren beim Abschluss des Hessentags, als Tokio Hotel vor Tausenden junger Mädchen spielte.

Das erste, was mir einfällt, wenn ich mich an das Tokio-Hotel-Konzert erinnere, ist der veritable Tinnitus, den ich davongetragen habe, als ich vier jugendliche Leserreporterinnen zum Konzert begleitete. Und das, obwohl ich als Fan von Rockmusik und Konzerten durchaus einiges gewohnt bin.

2006 als Reporterin beim Tokio-Hotel-Konzert: HNA-Mitarbeiterin Nicole Demmer.

„Ungefähr so muss sich ein startender Düsenjet anhören“, dachte ich mir, als ich im Fotograben stand. Links neben mir auf der Bühne die schreienden Teenager mit Mikrofon, rechts die schreienden Teenager ohne, dafür in geballter Masse und mit viel Ausdauer. Ich dazwischen ohne Ohrstöpsel, die hatte ich zuhause vergessen.

Die Mädchen berichteten später in der HNA aus ihrer Sicht über das Konzert. Ihr Höhepunkt damals: Sänger Bill Kaulitz winkte ihnen aus dem Bus zu.

Ein Erlebnis, das die zu 95 Prozent weibliche Gästeschar bestimmt auch gerne gehabt hätte. Garantiert aber die geschätzt 14-Jährige, die das Schild mit der schlüpfrigen Aufschrift „Tom, leg Deine Gibson weg, heute spielst Du auf mir“ hochhielt. Mit einem Mitarbeiter der Sicherheitsfirma flachste ich darüber, was wohl für eine Reaktion käme, wenn er ihr sagt, dass der Gittarist das Angebot annimmt.

A propos Sicherheitskräfte: Die habe ich nicht beneidet. Im Minutentakt zogen sie ohnmächtig gewordene Mädchen aus den ersten Reihen. Kein Wunder. Viele hatten schon Tage vorher am Gelände campiert, um möglichst nah an ihre Idole heran zu kommen. An Schlafsäcke, genügend Verpflegung und vor allem Wasser hatten dabei wohl die wenigsten gedacht.

Der chaotische Einlass tat dabei wohl sein Übriges. Da wurde gedrängelt und gedrückt. Teilweise wussten sich die Sicherheitsmitarbeiter nur damit zu helfen, die Eingänge zu schließen. Die Reaktion: Kreischalarm. Was war ich froh, dass die Presse einen eigenen Eingang hatte.

Bis heute kann ich nicht verstehen, dass Eltern ihren campierenden 13- oder 14-jährigen Töchtern - die wohlgemerkt ohne Begleitung da waren - einfach einen Zettel mitgegeben hatten, auf dem sie die Aufsichtspflicht auf die Hilfskräfte von DRK und Feuerwehr übertrugen. Von der damit vernachlässigten Fürsorgepflicht mal abgesehen: Es war fürchterlich kalt in den Hessentagsnächten. Wären die Mädchen von den Hilfsorganisationen nicht mit heißem Tee versorgt worden, hätte das böse ausgehen können. Mehr als einmal sei ihnen der gute Rat mitgegeben worden, besser nach Hause zu gehen und am Konzerttag wiederzukommen, erzählte mir damals ein Brandschützer. Ob auch nur eine von den Mädchen diesem gut gemeinten Rat gefolgt ist, wage ich zu bezweifeln - vielleicht hätte ich ein paar Tage nach dem Konzert mal in Apotheken recherchieren sollen, ob der Absatz an Erkältungsmitteln sprunghaft angestiegen ist ...

Weitere Erinnerungen an den Hessentag lesen Sie in der gedruckten Samstags-Ausgabe der HNA.

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