Hilfe aus der Hosentasche

Rewe-Markt bedient Flüchtlinge mit Übersetzungs-App

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Internationale Produkte laufen gut: Kauffrau Tina Goebel vom Rewe-Markt in Hessisch Lichtenau und Einzelhandelskaufmann Philipp Theinert zeigen ihr ausländisches Sortiment mit Produkten aus Russland und Polen, aber auch Rosenwasser für arabische Kulturen. Bald könnte es auch ein Sortiment aus syrischen Produkten geben. 

Hessisch Lichtenau. „Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?", fragt Tina Goebel ins Mikrofon ihres Handys. Prompt übersetzt die App den Satz in zwölf Sprachen, von Arabisch bis Urdu, die Amtssprachen in Syrien und in Pakistan.

Die selbstständige Kauffrau leitet den Rewe-Markt in der Hessisch Lichtenauer Ottilienstraße, wo täglich viele Flüchtlinge aus der Zeltstadt einkaufen. „Da müssen wir uns, was die Kommunikation angeht, zu helfen wissen!“

Bislang klappt der Dialog via Smartphone sehr gut. „Der Kunde tippt seine Landesflagge an, antwortet ins Mikrofon und schon können wir lesen, was er einkaufen möchte.“ Meistens jedenfalls. Manchmal komme natürlich auch schreckliches Kauderwelsch dabei heraus und ein lustiges Rätselraten beginne. Zum Beispiel, wenn da „Sim ba bad“ für „Simkarte laden“ oder „Babywasch“ für „Babywanne“ und Ähnliches steht. „Aber auch wenn’s mal länger dauert: Eigentlich bleiben immer alle freundlich und geduldig“, sagt Tina Goebel. „Die Flüchtlinge sind meist sehr dankbar, dass ihnen geholfen wird.“

So dankbar, dass nach einem Einkauf sogar schon Küsschen an hilfsbereite Mitarbeiter verteilt wurden, berichtet Einzelhandelskaufmann Philipp Theinert. Der 24-Jährige gibt zu: „Am Anfang war ich skeptisch, ob alles reibungslos klappt. Aber keine meiner Befürchtungen hat sich bewahrheitet. Bislang erlebe ich die Flüchtlinge als zurückhaltend und nett.“ Der Einkauf laufe ordentlich ab, sodass der normale Geschäftsalltag weitergehen könne.

Natürlich gebe es einige aufgerissene Verpackungen mehr und manches dauere wegen der Sprachbarrieren länger. Vor allem beim Aufladen der Sim-Karten für die Handys komme es öfter zu Schwierigkeiten. „Die Menüführung ist manchmal komplett auf arabisch“, sagt Tina Goebel. „Wenn da in den Einstellungen etwas geändert werden muss, weiß ich gar nicht, was zu tun ist.“

Trotzdem bemüht sie sich, jedem Kunden zu helfen. Schließlich sei es für die Flüchtlinge wichtig, Kontakt zur Heimat halten zu können. „Neulich habe ich bei der Hotline eines Anbieters angerufen und hatte Glück: Der Mitarbeiter sprach arabisch! Wir haben dann eine Dreier-Konferenz abgehalten. Als es endlich funktionierte, rief der Mann 'Allah!' und war total glücklich, als er zu Hause anrufen konnte.“

Obwohl das alles Zeit kostet, macht Tina Goebel der Kontakt mit den Flüchtlingen Freude. Schon länger hat sie einen Teil des Sortiments angepasst und Regale mit polnischen und russischen Lebensmitteln bestückt. Auch kleine Fläschchen mit Rosenwasser, das von einigen Muslimen zum Beten benutzt wird, hat die 29-Jährige neuerdings im Angebot.

Wenn der Bedarf da ist, werde es bald auch eine Auswahl an syrischen Lebensmitteln geben, sagt Tina Goebel. Rewe werde demnächst prüfen, ob neben Schwarzbrot, Müsli und Käse bald Yufka-Teigblätter, Hummus-Kichererbsenpüree und der Anisschnaps „Arak“ in den Regalen stehen. (kbr)

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