Zerstörte Gräber

Interview zum Vandalismus in Hessisch Lichtenau "Friedhof ist vielen heilig"

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Bild der Zerstörung: Wilfried Reimann, Mitarbeiter der Kirchengemeinde, zeigt eines der Gräber, das in der Silvesternacht auf dem Friedhof in Hessisch Lichtenau beschädigt wurde.

Hessisch Lichtenau. Der Vandalismus an 39 Gräbern auf dem Friedhof in Hessisch Lichtenau in der Silvesternacht hat viele Menschen schockiert.

Über die Auswirkungen der Tat haben wir mit Trauerbegleiterin Petra Lautenbach vom Ambulanten Hospizdienst Großalmerode/Hessisch Lichtenau gesprochen.

Was löst eine solche Tat bei den Betroffenen aus?

Petra Lautenbach: Ein Grab ist für die Hinterbliebenen sehr wichtig, sie reden dort mit dem Verstorbenen und haben auf dem Friedhof Kontakt zu Menschen, denen es ähnlich geht. Das Grab ist zudem etwas sehr persönliches, die Angehörigen gestalten es nach ihrem Empfinden und ihren Gefühlen. Wenn das jemand kaputtmacht, ist das sehr verletzend. Ob dies in einem Trauma gipfelt, hängt vom Einzelfall ab, eventuell auch davon, wie tragisch der Verstorbene ums Leben gekommen ist.

Wieso schockiert diese Tat auch Außenstehende so sehr?

Lautenbach: Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz darüber, wie man sich auf einem Friedhof zu verhalten hat, weil er ein wichtiges Symbol für uns und vielen heilig ist. Für viele Kinder ist es daher schon eine Mutprobe, über den Friedhof zu gehen.

PetraLautenbach

Wenn sich Jugendliche gegen alle Konventionen auf dem Friedhof treffen, um dort Alkohol zu trinken, verstößt das bereits gegen den Verhaltenskodex der Friedhofsruhe. Die Zerstörung, die in Hessisch Lichtenau stattgefunden hat, hat noch eine wesentlich schlimmere Dimension. Man liest immer öfter von Vandalismus, es gibt immer weniger Wertschätzung. Viele haben Angst, wo das noch hinführen soll, wenn nicht mal mehr Gräber in Ruhe gelassen werden.

Wie haben die Täter diese Hemmschwelle überschritten?

Lautenbach: Vielleicht waren es junge Menschen, die keinen Bezug mehr zu unseren Werten haben. Wenn man nie etwas mit Grabpflege zu tun hatte, kriegt man keinen Bezug dazu; die Werte werden nicht weitervermittelt. Eventuell waren es auch Menschen aus einem anderen Kulturkreis, die nicht wissen, was ein Friedhof für eine Bedeutung für uns hat. Aber da eigentlich jeder aus einem religiösen Kulturkreis die Werte des anderen schätzt, weil er selbst ähnliche hat, vermute ich eher, dass den Tätern eh alles egal ist und sie eventuell auch keinen Sinn mehr im eigenen Leben sehen. Sie müssen sehr viel Wut und Frust in sich haben – woher auch immer.

Pure Zerstörungswut also?

Lautenbach: Ja. Sehr wahrscheinlich hat auch Alkohol eine Rolle gespielt, schließlich war Silvester und mit Alkohol geht ja auch vieles leichter. Es war eine spontane Idee. Gäbe es einen bestimmten Hintergrund, wären ja weitere zerstörte Friedhöfe gefolgt, was zum Glück ja nicht der Fall ist.

Nach dem Alkoholrausch sehen viele meist klarer. Könnte es sein, dass sich die Täter der Polizei stellen?

Lautenbach: Manche initiieren etwas und andere machen mit, um dazuzugehören. Der Wunsch danach ist sehr groß, dafür machen Menschen sehr viel. Jemand, der genau aus diesem Grund mitgemacht hat, könnte im Nachhinein ein schlechtes Gewissen haben und die Tat beichten, weil er eigentlich weiß, dass es etwas anderes ist, als beispielsweise Mülltonnen umzuwerfen oder Ähnliches. 

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