Konzert: Hessisch Lichtenau gedachte der KZ-Deportation von Zwangsarbeiterinnen

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Musikalische Gedenkveranstaltung: 70 Jahre nach der Deportation von 206 Frauen in das Vernichtungslager nach Auschwitz war der jüdische Sänger Dany Bober in der Stadtkirche zu Gast. Er beeindruckte mit seiner jüdischen Zeitreise.

Hessisch Lichtenau. Vor 70 Jahren wurden mehr als 200 Zwangsarbeiterinnen von der Sprengstofffabrik in Hirschhagen nach in das KZ Auschwitz deportiert. Zum Gedenken an den dunklen Jahrestag kam der Musiker Dany Bober in die Stadt und veranstaltete eine Zeitreise durch die jüdische Kultur.

Die Hessisch Lichtenauer kehren eines der dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte, das der jüdischen Zwangsarbeiterinnen im Dritten Reich in der Munitionsfabrik Hirschhagen, nicht unter den Tisch. Zur Gedenkveranstaltung 70 Jahre nach der Deportation von 206 Frauen ins Vernichtungslager Auschwitz war der Sänger Dany Bober in der Stadtkirche zu Gast und beeindruckte mit seiner jüdischen Zeitreise.

Es war eine gesunde Mischung aus Liedern, historischen Fakten, Hintergrundinformationen, Anekdoten, Prosa, Mundartgedichten und einer gehörigen Portion Humor, mit der Dany Bober, 1948 in Israel geboren, das Publikum am Sonntag in der Hessisch Lichtenauer Stadtkirche begeisterte. Seine jüdische Zeitreise spannte mit dem Gesang der Psalmen König Davids und Salomo einen Bogen von mehr als 2000 Jahren bis hin zu Donna Donna. Dem Lied, das 1942 Itschak Katsenelson im Warschauer Ghetto schrieb, als seine Familie und tausende andere Juden deportiert wurden, verhalf der schottische Sänger Donovan in den 1960 Jahren zu Weltruhm.

Völlige Stille 

Mit seinen überwiegend fröhlichen Stücken hatte Bober, der seit 1980 regelmäßig im Wechsel auf einem der beiden deutschen Kirchentage auftritt, auf seiner jüdischen Zeitreise mit seiner Musik aus den verschiedenen Epochen dem Publikum unterhaltsame 90 Minuten geboten. Nach anhaltendem Applaus für die gelungene Darbietung herrschte noch einmal völlige Stille in der Stadtkirche. Bober hatte das Jüdische Totengebet „El maale rachamim“ (erbarmungsvoller Gott) vorgetragen und kaum einer in der vollen Stadtkirche dürfte während der Gedenkminute nicht an das verheerende Schicksal der 206 Jüdinnen vor 70 Jahren gedacht haben.

206 Kieselsteine, für jede der ermordeten Jüdinnen von 1944 einer, waren auf einem kleinen Tisch vorn neben der Treppe zur Kanzel zu einer Pyramide aufgebaut. Dietlinde Jessen hatte sogar alle Frauen namentlich auf einem Plakat aufgeführt. Bürgermeister Jürgen Herwig sagte in seiner Ansprache zu, die Kieselsteine in eine Betonplatte am Gedenkstein an der Zufahrt nach Hirschhagen einzudrücken. Herwig lobte das ruhelose Bemühen von Jürgen Jessen, die verhängnisvolle Geschichte der Stadt aufzuarbeiten, die mit den Veröffentlichungen von Dieter Vaupel und Gregor Espelage an ihr Gewissen erinnert worden sei.

„Spuren der Vergangenheit“ heißt die jüngste Broschüre von Sylvia von Canstein und Reimund Lill, in der Bilder vom Themenweg in Hirschhagen Eindrücke von der ehemaligen Munitionsfabrik in Hirschhagen vermitteln wollen.

Jürgen Jessen vom Verein „Gegen Vergessen - Für Demokratie“ hatte die Gedenkveranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Verein „bunt statt braun“, der Stadt Hessisch Lichtenau und der Evangelischen Kirchengemeinde organisiert. (zlr)

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