Prozess vor dem Amtsgericht Eschwege

Weil die Heizung kaputt war: Mann überfällt Backshop mit Schreckschusspistole

Statue der Justitia
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Justizia (Symboldbild)

In Hessisch Lichtenau findet ein Überfall mit einer Waffe statt. Ein Mann wird festgenommen. Nun findet der Prozess gegen ihn statt. Das Urteil ist gefallen.

Eschwege – Wegen schwerer räuberischer Erpressung und unerlaubten Waffenbesitzes wurde am Dienstag (17.08.2021) ein 60-Jähriger aus dem Landkreis vor dem Amtsgericht zu 21 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Die Freiheitsstrafe wurde zu einer dreijährigen Bewährung ausgesetzt. Außerdem muss der Mann 50 Sozialstunden leisten.

Der Mann hatte am 8. November vorigen Jahres – einem Sonntagnachmittag – den Backshop an der Leipziger Straße in Hessisch Lichtenau überfallen, die Verkäuferin mit einer Waffe bedroht und sie so gezwungen, ihm die Tageseinnahmen des Geschäftes in Höhe von 505 Euro auszuhändigen. Kurz nach dem Überfall hatte sich der Mann widerstandslos in der Straßenbahn Richtung Kassel festnehmen lassen und sofort ein umfassendes Geständnis abgelegt.

Nach Überfall mit Waffe: Angeklagter schildert Leidensgeschichte vor Gericht

Der Tatsache, dass der heute 60-jährige am Dienstag das Gericht als freier Mann verlassen konnte, liegt die „finanzielle Notsituation“ sowie die „glaubhafte Reue“ des Mannes zugrunde, die das Gericht bei seiner Entscheidung berücksichtigte.

Gemeinsam mit seiner Frau war der Angeklagte von Frankfurt nach Nordhessen gezogen, um sich hier um die pflegebedürftige Schwiegermutter zu kümmern. „Doch dann lief alles schief, was schieflaufen konnte“, schilderte er dem Gericht. Für die Mutter war ein staatlicher Betreuer eingesetzt worden.

Das Paar, das nach eigenen Angaben von etwa 800 Euro aus Hartz IV im Monat leben muss, blieb auf Rechnungen sitzen, konnte unter anderem die kaputte Heizung in dem Haus nicht reparieren lassen. „Nach zwei Wintern in Kälte stand der dritte Winter ohne Heizung vor der Tür“, berichtet der Angeklagte. „Meine Frau lag nur noch im Bett und heulte, wir waren beide nervlich extrem angeschlagen.“

Angeklagter entschuldigt sich nach Überfall mit Waffe bei traumatisierten Opfern

An dem Sonntagnachmittag im November – nachts sinken die Temperaturen bereits auf unter null Grad – entschließt sich der Mann, irgendwie Geld zu beschaffen. „Ich wollte soviel, dass ich eine Firma anrufen kann, die die Heizung repariert. Das hätte mir gereicht“, erklärt er. Er nimmt eine alte Schreckschusspistole aus dem Schrank, vermummt sein Gesicht und radelt zum Backshop.

Eine halbe Stunde beobachtet er das Geschäft, als keine Kunden im Laden sind, geht er hinein, legt die Pistole auf den Tresen und fordert von der Verkäuferin die Tageseinnahmen. Die nimmt ihn jedoch zunächst nicht ernst, fragt mehrmals, wie viele Brötchen er will. „Ich will keine Brötchen, ich will Geld“, wiederholt er.

Erst als er droht, ihr ins Bein zu schießen, gibt ihm die Frau das Geld. Dass es sich bei der Waffe um eine ungeladene Schreckschusspistole handelte, war weder für die Verkäuferin noch für die damals 18-jährige Aushilfe ersichtlich. Bei den beiden Frauen, die bis heute durch den Überfall traumatisiert sind, entschuldigt sich der Angeklagte am Dienstag. (Stefanie Salzmann)

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