Reichenbacher Familie sieht ihren Traum zerstört

Fassungslos: Vor dreieinhalb Jahren flohen Monika und Jörg Kretzschmar vor Verkehrslärm aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Reichenbach, doch nun bedrohen Planungen zum Bau von Windrädern ihre Idylle. Das Foto zeigt sie an ihrem Gartenzaun mit dem nahen Eisberg im Hintergrund. Foto: Bretzler

Reichenbach. Paar kaufte Haus im Naturidyll und fühlt sich nun durch geplante Windräder betrogen - Bürgermeister Heußner habe ihnen versprochen, dass keine Windräder gebaut werden.

Die Vögel zwitschern, abends streifen Rehe vorbei und vor der Haustür plätschert ein Bach - so haben sich Monika und Jörg Kretzschmar ihr persönliches Paradies immer vorgestellt. Vor drei Jahren verkauften die Frührentner ihr Haus in Biebes-heim am Rhein und zogen ins 200 Kilometer entfernte Reichenbach. Hier, in Ruhe und unberührter Natur, wollten sie ihre weiteren Jahre genießen. Doch jetzt drohen Lärm und Ärger sie einzuholen.

Ihr neues Domizil am Fuße des Eisbergs liegt nur etwa 1000 Meter von den Flächen entfernt, die EAM Natur und die Firma Ventotec von der Stadt Hessisch Lichtenau pachten wollen, um dort drei bis vier Windkaftanlagen zu errichten. Die Aussicht darauf, dass ihr Idyll bald von über 200 Meter hohen Windrädern mit mehr als 50 Metern Flügelspannweite bedroht wird, bereitet dem Ehepaar schlaflose Nächte. „Unser Traum, ja unser Leben wäre zerstört“, sagt Monika Kretzschmar.

Gerade haben sie eine neue Terrasse gebaut. „Hier werden wir ab einer bestimmten Uhrzeit einen ständigen Schlagschatten durch die Windräder haben“, befürchtet Jörg Kretzschmar. „Nachts blinken die Warnlichter in unser Schlafzimmer. Ununterbrochen werden wir das Rauschen der Flügel hören. Das ist wie ein tropfender Wasserhahn - irgendwann treibt einen das Geräusch in den Wahnsinn!“

Aus der alten Heimat waren sie vor ähnlichen Belastungen geflohen, haben bundesweit nach einem schönen Fleckchen Erde fürs Alter gesucht. „Unser altes Haus lag direkt unter der Warteschleife einer Landebahn des Frankfurter Flughafens. Über uns kreisten oft stundenlang Jumbojets, wir konnten uns draußen nicht mehr unterhalten. Nebenan war eine viel befahrenbe Straße und eine ICE-Strecke. Wir dachten, all diese Belastungen hätten wir hinter uns gelassen, aber nun geht es von vorne los“, machen beide ihrem Ärger Luft.

Besonders enttäuscht ist das Ehepaar von Bürgermeister Michael Heußner (CDU). „Wir haben ihn und auch seinen damaligen Konkurrenten Wicke im Bürgermeisterwahlkampf gezielt auf mögliche Windräder auf dem Eisberg angesprochen. Er sagte uns, das Thema sei vom Tisch, wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen. Doch jetzt ist alles anders. Wir fühlen uns betrogen“, sagt Monika Kretzschmar.

Betrogen auch deshalb, weil all ihr Erspartes in das Haus am Ortsrand von Reichenbach geflossen ist, das angesichts riesiger Windräder vor der Nase deutlich an Wert verlieren würde. „Wer möchte dann hier noch wohnen “, fragt Jörg Kretzschmar rhethorisch. „Für drei oder vier dieser Anlagen wird intakte Natur und ein Ort, der von dieser Idylle touristisch lebt, einfach zerstört. Das wäre eine Schande!“

Bürgermeister Heußner sagt dazu: „Der Vorwurf der Eheleute Kretzschmar ist so nicht nachvollziehbar, weil ich als Bürgermeister keinen eigenen Antrag eingebracht habe, sondern nur eine bei der Stadt eingegangene Pachtanfrage ans Stadtparlament weitergeleitet habe. Ich war damals davon überzeugt, dass die Regionalversammlung nach der Stellungnahme des Parlaments 2013 den Eisberg nicht als Vorrangfläche ausweisen wird, weil wir uns an anderer Stelle (Rohrberg) positiv geäußert haben. Daraus einen Vorwurf abzuleiten, ist für mich abwegig.“

Ob die Stadt ihre Flächen am Eisberg für Windräder verpachtet, wird heute Abend im Stadtparlament, 19.30 Uhr, in der Hopfelder Mehrzweckhalle Blaues Wunder debattiert.

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