Corona-Auflagen

Widersprüchliche Hygieneregeln für Friseure: Reinigung reicht Gesundheitsamt nicht

Der Friseursalon Kuschel in Hessisch Lichtenau.
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Im Friseursalon Kuschel in Hessisch Lichtenau gab es eine Begehung durch das Gesundheitsamt, im Standort Cörle nicht.

Muss es für die Reinigung von Friseurstühlen ein spezielles Desinfektionsmittel sein oder reicht auch ein fettlösender Haushaltsreiniger?

Nicht nur diese Frage stellt sich Friseurmeisterin Sonja Kuschel, seitdem ihr Salon kürzlich Besuch vom Gesundheitsamt bekam.

Da hatte sie gerade einmal eine Woche nach der corona-bedingten Pause wieder geöffnet. „Die Berufsgenossenschaft hat Regeln aufgestellt, wie wir weiterarbeiten dürfen“, erklärt Kuschel. Darin steht unter anderem: „Nach jeder Kundenbehandlung sind Kontaktflächen wie Friseurstuhl und Ablagen mit einem fettlösenden Haushaltsreiniger abzuwischen.“ Das sieht das Gesundheitsamt anders. Denn es verlangt nach der Begehung, dass nur Desinfektionsmittel zum Einsatz kommen, die beim Verbund für Angewandte Hygiene (VAH) gelistet sind, wobei diese Liste in der hessischen Hygieneverordnung nur als Beispiel gebracht wird. Zudem sollen Desinfektionstücher für die Flächendesinfektion angewandt werden.

Das ist nicht der einzige Widerspruch. Während die Berufsgenossenschaft empfiehlt, alle Materialien nach jedem Kunden mit fettlösendem Haushaltsreiniger zu säubern und am Ende des Arbeitstags oder bei sichtbarer Verschmutzung zu desinfizieren, verlangt das Gesundheitsamt: „Im Rahmen der Instrumentenaufbereitung ist eine reine und eine unreine Seite sicherzustellen.“ Zudem müsse es eine Einwirkzeit im Desinfektionsbad von mindestens einer Stunde geben.

„In meinem Beruf redet man nicht von Instrumenten“, sagt Kuschel dazu. „Ich arbeite mit Handwerkszeug.“ Verwundert ist sie auch darüber, dass für sie die gleichen Regeln gelten, wie für Tätowierer oder im Gesundheitswesen, wo man leicht mit Blut in Kontakt kommt. „Wenn ich meine Arbeit mache, geht sie ohne Blut einher“, sagt sie. Zudem dürften Friseure kein Rasiermesser nutzen.

Friseurmeisterin Sonja Kuschel.

Auch, dass sie ihr Händedesinfektionsmittel selbst aus einem Kanister in Sprühflaschen füllt, monierte das Gesundheitsamt. Hier sei ein Spender anzuschaffen, der ohne Handkontakt bedient werden kann. Der, so Kuschel, sei aber momentan schwer zu bekommen – erst recht, wenn er VAH-gelistet sein soll. Daher habe bisher ihre Auszubildende den Kunden die Hände mit Desinfektionsmittel eingesprüht, damit Kunden nicht mit der Flasche in Kontakt kommen.

Was Kuschel auch ärgert: Die Begehung durch das Gesundheitsamt kostet gut 128 Euro – Kosten, die sie selbst tragen muss. Zahlen wird sie erst einmal, aber dann Widerspruch einlegen.

Nachdem Sonja Kuschels Mann den Brief mit der Besuchsankündigung bei Facebook veröffentlicht hatte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Mehr als 500 Kommentare folgten. Und die Politik schaltete sich ein. Vize-Landrat Dr. Rainer Wallmann rief sie an und erklärte, dass es sich um eine Routine-Überprüfung handele, berichtet Kuschel. Allerdings sei ihr Salon der einzige in ihrem Bekanntenkreis gewesen, der überprüft wurde. Kuschel vermutet, dass es zu einer Anzeige gegen sie kam, als sie beim Putzen ihres Salons mit Mitarbeiterinnen vor der Wiedereröffnung kurz die Mund-Nasen-Maske abgezogen habe, um durchzuatmen.

Was die unterschiedlichen Vorgaben angeht, wünscht sich Sonja Kuschel eines: Dass öffentliche Stellen wie Berufsgenossenschaft und Gesundheitsamt künftig besser zusammenarbeiten.  

Kein Friseurbesuch für Kinder

Viele Friseure nehmen aktuell keine Kinder als Kunden an. Manche ziehen die Altersgrenze bei zehn, manche bei zwölf Jahren. Grund dafür sind auch die gesetzlichen Vorgaben während der Corona-Pandemie, die eine Bedienung von Kindern für Friseure erschwert. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege schreibt dazu auf ihrer Internetseite, dass bei jedem Kunden die Haare vor dem Schneiden gewaschen werden müssen. Bei Kleinkindern dürfte es sich daher schwierig gestalten, die üblichen Armaturen mit Liegesessel und Haarwaschbecken zu nutzen. Zudem ist es laut Berufsgenossenschaft eine Einzelfallentscheidung und abhängig vom Entwicklungsstand des Kindes, ob die Eltern beim Friseurbesuch anwesend sein dürfen. „Alle müssen eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen und auf den nötigen Abstand achten.“ Wenn ein Kind bedient wird, das noch keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen kann, muss der Friseur eine FFP2-Atemschutzmaske und eine Schutzbrille oder ein Visier tragen.

Überprüfung nach einer Anzeige: Das sagt der Landkreis zur Begehung des Friseursalons

Zum Besuch des Friseursalons durch das Gesundheitsamt sei es durch eine Anzeige gekommen, sagt Kreissprecher Jörg Klinge. Es sei darum gegangen, dass noch keine Gewerbeanmeldung und damit keine Erstbegehung stattgefunden habe.

Nach Eingang der Anmeldung sei dann ein Termin vereinbart worden. Auch andere „zu überwachende Einrichtungen“ würden „im Rahmen des Regelbetriebs überprüft“, so Klinge.

Weiter führt er aus, dass alle Desinfektionsmittel, deren Wirksamkeit nachgewiesen ist, in der VAH-Liste enthalten sind. Die entsprechenden Zertifikate basieren auf einer Wirksamkeitsprüfung nach „dem aktuellen und anerkannten wissenschaftlichen Kenntnisstand und beinhalten die geltenden europäischen Methoden“.

Die Berufsgenossenschaft sei für den Arbeitsschutz zuständig, die Gesundheitsämter für den Bevölkerungsschutz, erklärt Klinge. „Die allgemeinen Hygienestandards hierfür sind vorgegeben und entsprechend einzuhalten.“ Die kontaktlosen Desinfektionsspender seien insbesondere für das Personal gedacht und vorgeschrieben, unabhängig von der aktuellen Situation, in der zusätzliche Vorgaben für die Kunden gelten.

Zur Gleichsetzung von Friseuren mit etwa Tätowierern und medizinischen Berufen sagt Klinge, dass Hygiene ein wichtiger Bestandteil der Infektionsprävention sei. 2003 sei die hessische Infektionshygieneverordnung erlassen worden. „Diese verpflichtet jeden, der berufs- oder gewerbemäßig Tätigkeiten an Menschen durchführt, bei denen durch Blut sowie Sekrete und Exkrete Krankheitserreger übertragen werden können, zur sorgfältigen Beachtung der Hygiene entsprechend dem aktuellen Stand der Wissenschaft und Technik.“ Auch beim Schneiden von Haaren und einer Rasur seien Mikroverletzungen der Haut möglich, bei denen Infektionserkrankungen übertragen werden könnten.

„Im übrigen weisen wir darauf hin, dass auch für die Friseure eine Sachkunde erforderlich ist, die ein derartiges Wissen voraussetzen sollte“, so Klinge.

So entstehen Arbeitsschutzstandards zu Covid-19: „Richtschnur zur Gesetz-Auslegung“

Mit den speziellen Arbeitsschutzstandards zur Covid-19-Pandemie habe die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) Arbeitsschutzstandards des Bundesarbeitsministeriums branchenspezifisch konkretisiert, erklärt BGW-Pressereferentin Mareike Berger.

Die Arbeitsschutzstandards seien von Experten der BWG entwickelt und mit dem Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks abgestimmt worden.

„Der Standard dient als Richtschnur zur Auslegung des Arbeitsschutzgesetzes, auch für die Beratung und Überwachung der Betriebe durch den Aufsichtsdienst der BGW.“ Wenn berufsspezifische Covid-19-Arbeitsschutzstandards veröffentlicht werden, informiere die BGW Berufsverbände, Arbeitsschutzbehörden und die zuständigen Ministerien, so Berger.

Ziel sei, dass die Länder die Informationen an nachgeordnete Behörden weitergeben. Berger: „Welche Maßnahmen abgeleitet werden, entscheidet jedes Bundesland selbst.“

Austausche zwischen BGW mit Gesundheitsämtern beziehungsweise dem Gesundheitsministerium gibt es laut Berger zum Teil auf Länderebene mit unterschiedlichen Ministerien. Mit den Gesundheitsämtern finde dieser teilweise regionalbezogen statt.

Berger weist auf die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts zur Reinigung und Desinfektion von Oberflächen außerhalb von Gesundheitseinrichtungen im Zusammenhang mit Covid-19 hin.

In der Empfehlung des Instituts heißt es: „Eine routinemäßige Flächendesinfektion in häuslichen und öffentlichen Bereichen, auch der häufigen Kontaktflächen, wird auch in der jetzigen Covid-Pandemie nicht empfohlen. Hier ist die angemessene Reinigung das Verfahren der Wahl.“

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