Angeklagter schweigt

Revision wegen Bluttat an Hessisch Lichtenauer Grillhütte

Kassel/Hessisch Lichtenau. Das Revisionsverfahren gegen Alexander B. ist ein Prozess um die grausame Bluttat am 8. Juli 2013 an der Grillhütte „Waldfrieden“ in Hessisch Lichtenau.

„Wir müssen versuchen zu klären, was Sie damals gedacht haben.“ Diese Aussage von Richter Dreyer zum Auftakt des Revisionsverfahrens vor dem Kasseler Landgericht gegen Alexander B. zeigt auf, wie problematisch auch dieser Prozess um die grausame Bluttat am 8. Juli 2013 an der Grillhütte „Waldfrieden“ in Hessisch Lichtenau werden wird.

Schon im ersten Verfahren 2014, als die 6. Strafkammer Alexander B. wegen Beihilfe zum Totschlag zu sechs Jahren Gefängnis verurteilte, hatte der heute 39-Jährige ebenso wie die beiden Haupttäter geschwiegen. Und auch diesmal kündigte Verteidiger Bernd Pfläging an, sein Mandant werde sich nicht äußern.

Alexander B. hat drei Jahre seiner Strafe abgesessen. Nachdem der Bundesgerichtshof seine Revision (Hintergrund) zugelassen hatte, ist er wieder auf freiem Fuß und lebt seither in Eschwege.

Tathergang ist unstrittig

Der Tathergang, bei dem der damals 38-jährige Waldemar B. von zwei russischen Landsleuten erschlagen wurde, ist unstrittig und auch vom Bundesgerichtshof rechtskräftig anerkannt. In dem neuen Verfahren geht es lediglich um die Frage, ob Alexander B. von einem geplanten Totschlag ausgehen musste oder nicht und wie er zu bestrafen ist.

Am Donnerstag sollte Haupttäter Sergej B. aussagen, der seine zwölfjährige Strafe bis September 2025 in Wehlheiden absitzt. Der bullige Mann mit dem kantigen Gesicht aber behauptete, er könne sich an absolut nichts erinnern. Richter Dreyer: „So oft werden Sie niemanden getötet haben. Da müssen Sie sich doch erinnern.“ Nein, sagte der Zeuge. Als der Richter ihn darauf hinwies, dass unglaubwürdiger Erinnerungsverlust als Falschaussage gewertet werden und mit neuer Haft bestraft werden könnte, sagte Sergej B: „Ein, zwei Jahre obendrauf, kein Problem.“

Erinnert sich Sergej B. doch an den Ablauf?

„Der erinnert sich an alles, der will nur nicht aussagen“, sagt eine der beiden Frauen, die im Revisionsverfahren vor dem Landgericht als Nebenklägerinnen teilnehmen. Die beiden Angehörigen des Opfers Waldemar B. sind sich ebenso wie das Gericht sicher, dass der wegen Totschlags rechtskräftig verurteilt Sergej B. sich genau erinnert, was vor fünf Jahren geschehen ist. 

Auch die beiden Frauen müssen noch einmal hören, wie grausam der dreifache Familienvater ums Leben kam. Das Urteil aus 2014 schildert die Tat so: In der von vielen Deutsch-Russen bewohnten Siedlung in Heli tranken die Männer regelmäßig große Mengen Wodka und Bier. Waldemar B. hat wohl auch immer seine Ehefrau geschlagen, was Sergej B. ärgerte. 

Am Donnerstag bestritt der allerdings, eine Affäre mit der Ehefrau des späteren Opfers gehabt zu haben. Gemeinsam mit seinem Freund Vladimir G. wollte er Waldemar aber eine Abreibung verpassen, weil er die Frau immer wieder „schlecht behandelt“ habe. Sergej und Vladimir holten daheim Schlagring, Schlagstock, Baseballschläger und ein Fleischerbeil, trugen diese in einem Rucksack zur Grillhütte „Waldfrieden“.

Bei eigentlicher Tat nicht auf dem Gelände gewesen 

Alexander B. wohnte damals in Großalmerode, kannte die anderen aber vom gemeinsamen Trinken. Er soll Waldemar zur Grillhütte gelockt haben. Verteidiger Pfläging zeigte aber am Donnerstag die Möglichkeit auf, dass sein Mandant bei der eigentlichen Tat gar nicht auf dem Gelände gewesen sei. 

Bei dem Streit an der Grillhütte soll Sergej mit einem Schlagring auf der Faust zwei heftige Schläge ins Gesicht von Waldemar geführt haben. Als der zu Boden ging, prügelten Sergej und Vladimir mit den mitgebrachten Schlaggegenständen auf den 38-Jährigen ein.

Die Schläge mit dem Fleischerbeil zertrümmerten laut Gutachten der Gerichtsmedizin den Kopf und führten zum Tode. Sergej B., der im Gefängnis eine Ausbildung zum Bäcker abgeschlossen hat und eigentlich bessere Zukunftschancen nach seiner Haftentlassung hätte, schwieg am Donnerstag. 

Er sei in der Tatnacht besinnungslos besoffen gewesen und habe alles vergessen, sagte er. „Was soll ich machen? Ich weiß nichts mehr“, sagte er.

An den beiden folgendenVerhandlungstagen am 26. und 27. Juni sollen noch mehrere Zeugen und der Sachverständige, der Psychiater Dr. Georg Stolpmann, gehört werden. Das Urteil soll am Mittwoch nächster Woche in Saal E 119 fallen.

Rubriklistenbild: © Uli Deck/dpa

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