Branche leidet unter Umsatzeinbußen

Orthopädietechnik gilt nicht als systemrelevant: Gesundheit leidet

Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik und Leiter des Orthopädietechnischen Zentrums in Hessisch Lichtenau, an seinem Arbeitsplatz.
+
Erfordert viel handwerkliches Geschick: Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik und Leiter des Orthopädietechnischen Zentrums in Hessisch Lichtenau, an seinem Arbeitsplatz.

Einlagen, Bandagen, Prothese oder Rollstuhl: Jeder Vierte in Deutschland ist irgendwann auf Orthopädietechnik angewiesen. Trotzdem wurde sie in der Corona-Krise nicht als systemrelevant eingestuft.

Werra-Meißner - Die fehlende Einstufung hat weitreichende Folgen, berichtet Alf Reuter, Leiter des Orthopädietechnischen Zentrums in Hessisch Lichtenau und Präsident der Bundesinnung. „Wir bekommen keinerlei Unterstützung, da wir unter Tankstellen und Drogerien eingeordnet wurden und somit nicht systemrelevant sind“, sagt Reuter. Dabei würden sie ihren Patienten dazu verhelfen, wieder mobil zu sein, aber auch Sauerstoff und künstliche Ernährung liefern. „Das ist äußerst relevant“, findet Reuter, der Sanitätshäuser kennt, die während des ersten Lockdowns von Ordnungsämtern geschlossen wurden. Seit Beginn der Krise kämpft Reuter bei Gesundheitsminister Jens Spahn dafür, dass seine Zunft als systemrelevant eingestuft wird. Aber: „Die Krankenkassen schieben es auf die Regierung und die schiebt es auf die Krankenkassen.“

Da sie nicht als systemrelevant gelten, bekommen Orthopädietechniker weder Zugang zu Schnelltests noch Schutzausrüstung gestellt. Diese müssen sie für sich und ihre Patienten selbst bezahlen. Dabei sei in diesem Bereich durch die Pandemie alles „exorbitant teuer“ geworden. „Einmalmasken, die früher 5 Cent gekostet haben, kosten jetzt 50 Cent“, nennt Reuter ein Beispiel. Aufgrund der Lieferengpässe, die sich auch jetzt wieder bei unsterilen Einmalhandschuhen bemerkbar machten, seien sie im Frühjahr genötigt gewesen, die Apotheken im Umkreis abzufahren und zu kaufen, was sie kriegen konnten.

Diese Berufe aus dem Gesundheitsbereich gelten offiziell als systemrelevant

Im Gesundheitswesen sind vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales lediglich folgende als systemrelevant eingestuft: Krankenhäuser, Rettungsdienste, Pflege, niedergelassener Bereich, Medizinproduktehersteller, Arzneimittelhersteller, Apotheken und Labore.

Bis zu Redaktionsschluss erreichte uns weder vom Ministerium für Arbeit und Soziales, vom Bundesgesundheitsministerium noch vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung eine Stellungnahme zu der Problematik. (gsk) 

Während Krankenhäuser in der Pandemie zusätzlich 11 Milliarden, Heilmittelleistungserbringer 810 Millionen, Apotheken pro Botengang 5, Rehakliniken pro Patient am Tag 8, niedergelassene Ärzte 15 pro Patient und Hebammen 14,95 Euro pro Geburtsvorgang erhalten, gehen die Orthopädietechniker laut Reuter leer aus. Auch an Soforthilfen sei nichts bei ihnen angekommen. Das Kurzarbeitergeld sei das Einzige, was ihnen wirklich helfe, denn vergünstigte Kredite müssten ja auch wieder zurückgezahlt werden.

Steuersenkung schadet Branche

„Was da schief läuft, ist unglaublich“, sagt Alf Reuter. Statt finanzieller oder materieller Unterstützung in Form von Schutzausrüstung würden den Orthopädietechnikern mit der gesenkten Mehrwertsteuer während der Corona-Pandemie sogar noch weitere Steine in den Weg gelegt. Von der Senkung hätten sie keinen Nutzen, sie schade ihnen eher. „Wir müssen sie ausweisen, die Änderung in der EDV ist mit extrem viel Aufwand verbunden.“

Hinzu kommt, dass Hilfsmittel, die nur für einen bestimmten Zeitraum geliehen werden, erst bei Rückgabe abgerechnet werden. „Ein Krankenbett, das jetzt mit Corona-Satz beantragt wurde, kommt dann nach zwei Jahren zu uns zurück, wenn kein Corona-Satz mehr Gültigkeit besitzt“, erklärt Reuter. Da sieht Reuter allein drei Millionen Vorgänge auf Sanitätshäuser und Rehatechnik zukommen, die Nachzahlungen mit sich bringen würden.

Und das, angesichts „unglaublicher Umsatzeinbußen“, unter denen die Orthopädietechniker aktuell leiden. „Wir arbeiten zu 90 Prozent für gesetzliche Krankenkassen und sind vom Rezeptzettel abhängig“, sagt Reuter. Gestrichene Operationen, geschlossene Kliniken und Menschen, die aus Angst vor Ansteckung mit ihren gesundheitlichen Problemen nicht zum Arzt gingen, sind daher fatal für seine Zunft. „Wenn die Kliniken schließen, kommt bei uns nichts mehr an.“ Aber nicht nur deswegen appelliert Reuter an die Menschen, trotz der Pandemie rechtzeitig zum Arzt zu gehen: „Sonst überrollt uns eine Welle an Späterkrankungen.“

Gesundheitseinbußen drohen

Zu Beginn der Pandemie sei nur noch die Hälfte der Patienten zum Arzt gegangen. Die Folgen aus dem Verhalten im Frühjahr seien bereits jetzt in einer Studie nachgewiesen. „Patienten, die nicht pünktlich ihre Kompressionsstrümpfe bekamen, litten nachweislich häufiger unter Thrombose, bei der Wundversorgung gab es eine Entzündungsproblematik und die psychischen Probleme, wenn Menschen nicht mehr richtig mobil waren, sind gravierend.“ Auch bei Prothesen sei ganz klar geregelt, wann diese ersetzt werden müssen. Die Lebensdauer liege bei circa drei Jahren, sei allerdings abhängig von der Intensität des Gebrauchs und richte sich individuell nach den Passteilen. Da sie mit Kliniken arbeiteten, hätten sie es auch vorher schon mit gefährlichen Keimen wie MRSA zu tun gehabt und wüssten sich und andere davor zu schützen. „Bei uns ist es sicher – sicherer als anderswo“, fordert Reuter die Patienten auf, keine Scheu zu haben und zu ihnen zu kommen. (Gudrun Skupio)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.