Viele Schicksalsschläge

Frieda Vaupel aus Hessisch Lichtenau wird 100 Jahre alt

Frieda Vaupel mit Tochter Brunhilde wenige Tage vor ihrem 100. Geburtstag.
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Frieda Vaupel mit Tochter Brunhilde wenige Tage vor ihrem 100. Geburtstag.

So manchen Schicksalsschlag musste Frieda Vaupel aus Hessisch Lichtenau in ihrem Leben verkraften. Jetzt feiert sie ihren 100. Geburtstag.

Hessisch Lichtenau/Waldkappel – Ihren Geburtstag wird die Jubilarin Frieda Vaupel nicht in ihren eigenen vier Wänden an der Hopfelder Straße in Hessisch Lichtenau feiern können, wo sie bis zum 95. Lebensjahr gelebt hat. Ihr gesundheitlicher Zustand hatte sich seinerzeit so sehr verschlechtert, dass eine Dauerpflege in einem Seniorenheim unumgänglich wurde. Seither lebt sie im Haus Anna-Katharina in Waldkappel.

Eine große Feier wird es wegen der Pandemie nicht geben, aber das Betreuungspersonal will Frieda Vaupel den Tag so feierlich wie möglich gestalten. Zu den Gratulanten werden nicht nur Tochter Brunhilde und Schwiegersohn Günther sowie Schwiegertochter Erika zählen, auch Landrat Stefan Reuß und Waldkappels Bürgermeister Frank Koch werden erwartet. Wie viel die Seniorin jedoch von alle dem rund um ihren 100. Geburtstag registriert, ist angesichts ihrer fortgeschrittenen Demenz fraglich. Deshalb konnte sie auch nicht mehr selbst über ihr Leben berichten. Das hat ihre 69-jährige Tochter Brunhilde übernommen, die ihrer Mutter früher stets aufmerksam zugehört hatte, wenn sie aus vergangenen Tagen erzählte.

Hochzeit: Frieda und Johann Vaupel bei ihrer Trauung 1946 in Reichenbach.

Als Frieda Schalles wurde die Jubilarin am 20. Juni 1921 im heutigen Lichtenauer Stadtteil Reichenbach geboren. Aufgewachsen ist sie dort mit zwei jüngeren Brüdern, besuchte bis zum Abschluss in der achten Klasse die Volksschule und wurde in der Reichenbacher Klosterkirche konfirmiert. Ein Jahr lang eignete sie sich bei einer Schneiderin in Eschwege das Nähen an, bevor sie in der Lichtenauer Textilfirma Fröhlich und Wolff eine Ausbildung zur Weberin absolvierte. Die schloss sie als Jahrgangsbeste ab und wurde mit einem Buchpreis belohnt. Mit 19 übernahm Frieda für sechs Jahre den Postdienst in Reichenbach. Während dieser Zeit lernte sie auf der Reichenbacher Pfingstkirmes den zwölf Jahre älteren Johann Vaupel aus ihrem Ort näher kennen, 1946 läuteten für die beiden in der Klosterkirche die Hochzeitsglocken. Vor dem Traualtar stand sie in Schwarz, weil sie um ihren jüngsten Bruder trauerte. Der war im Jahr zuvor als Soldat beim Rückzug aus Italien auf tragische Weise im Po ertrunken.

Das junge Paar wohnte zunächst im Haus von Friedas Eltern. Dort wurde nach zwei Jahren auch Sohn Gerd geboren, 1951 kam Tochter Brunhilde hinzu. Drei Jahre später zog die Familie um nach Hessisch Lichtenau, das neue Haus an der Hopfelder Straße war fertig. Etwa zehn Jahre waren vergangen, als der 14. Februar 1964 zum schwärzesten Tag in Friedas Leben wurde: Ehemann Johann kam auf der Zeche Glimmerode bei einem Unglück unter Tage ums Leben. Mit 42 war die junge Witwe allein mit den beiden Kindern. Etwas Geld verdiente sie hinzu mit ihrem Lieferservice per Fahrrad. Dadurch wurde sie in der Lossestadt als „Butterfrau“ bekannt, weil sie die Lebensmittel, darunter auch Butter, für eine Handelskette an die Haustür ihrer Kunden brachte.

Freude und Leid wechselten sich in hundert Lebensjahren ab. Drei Enkel und vier Urenkel durfte sie begrüßen, musste sich aber auch 2018 von ihrem 70-jährigen Sohn Gerd und dem 49-jährigen Enkel Stephan verabschieden. (Lothar Röß)

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