Forderung nach Schadensersatz 

Wickersröder sieht sich als Opfer des VW-Abgasskandals

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Das Auto von Kai Schirmer: Der Wickersröder möchte die umstrittene Software-Umrüstung nicht machen lassen und hofft, die Hardware-Umrüstung einklagen zu können.

Wickersrode. Der VW-Abgasskandal hat auch konkrete Auswirkungen auf die Lebensqualität auf dem Dorf. Das zeigt ein Beispiel aus dem Hessisch Lichtenauer Stadtteil Wickersrode.

Im Mai 2013 kaufte sich Kai Schirmer aus Hessisch Lichtenau-Wickersrode ein neues Auto. Einen Diesel, von Volkswagen, Effizienzklasse A plus. Etwa zwei Jahre später ging der VW-Abgasskandal durch alle Medien – auch Schirmer war betroffen, genau wie sein Schwiegervater, der sich ein ähnliches Auto etwa ein halbes Jahr vor Schirmer gekauft hatte.

Die Unterlagen zur Umrüstung kamen, doch Schirmer erzählt, er und sein Schwiegervater haben sich damit nicht zufriedengeben wollen. Sie gingen zum Anwalt und klagten. „Der Anwalt riet uns, das Auto nicht umrüsten zu lassen, da wir sonst unser einziges Beweismittel nichtig machen“, sagt der Wickersröder. Außerdem sei das Update umstritten, weil es zu Motorschäden führen könne – „besser wäre eine Hardware-Umrüstung, anstatt einfach eine neue Software zu installieren“, so Schirmer. Doch diese Umstellung zahle VW nicht.

Zulassungssiegel wurde entfernt

Anfang August dann der Schock: Ein Mitarbeiter der Zulassungsstelle in Eschwege sei vorbeigekommen und habe das Zulassungssiegel entfernt. „Meine Schwiegereltern sind auf das Auto angewiesen, weil meine Schwiegermutter 70 Prozent schwerbehindert ist“, sagt Schirmer. Einen Tag später kam erneut ein Mitarbeiter und hat das Siegel wieder angebracht. Sein Anwalt habe die Zulassungsstelle kontaktiert, es sei wohl eine Frist versäumt worden. Der Anwalt wollte sich nicht dazu äußern.

Schirmer hat aber die Befürchtung, dass das Siegel jederzeit wieder entfernt werden könnte und seine Schwiegereltern nicht mehr von A nach B kommen.

"Auf das Auto angewiesen"

Auch er befürchtet nun, dass ihm das passiert: „Ich bin auf mein Auto angewiesen, anders komme ich nicht zur Arbeit.“ Er ärgert sich über den Druck, der vom Kraftfahrtbundesamt aufgebaut werde. Wer nicht umrüste, der komme womöglich nicht durch die Hauptuntersuchung, heiße es. „Wenn ich allerdings innerhalb der Frist zum Tüv gehe, bekomme ich ihn auch. Das wissen viele nicht“, so Schirmer.

Er hofft, mithilfe seiner Klage zu erwirken, dass VW ihm die Hardware-Umstellung zahlt. „Ich will kein neues Auto, sondern nur das, was mir beim Kauf versprochen wurde: ein sauberes Auto“, so Schirmer. An den Wertverlust seines Wagens wolle er gar nicht erst denken. Er und sein Schwiegervater werden von der Rechtsanwaltsgesellschaft Stoll und Sauer vertreten, die sich auf Verbraucherschutz spezialisiert hat und viele VW-Abgasskandalopfer vertritt. Eine Sammelklage sei damals, als Schirmer und sein Schwiegervater sich einen Anwalt genommen hatten, nicht möglich gewesen. 

Für den Streit um die Zulassung habe sich Schirmer einen zweiten Anwalt nehmen müssen, erzählt er, weil die Sache in zwei Fälle unterschieden werde. Er hofft trotzdem, noch Recht zu bekommen, und möchte dem Druck von außen nicht nachgeben, ohne gekämpft zu haben.

Das sagt der Landkreis: Frist zur Umrüstung gilt für alle

Aus datenschutzrechtlichen Gründen können keine Angaben zu Einzelfällen gemacht werden, sagt Jörg Klinge, Sprecher des Werra-Meißner-Kreises. Außerdem liege ein schwebendes Verfahren vor, was Auskünfte zusätzlich erschwere. Generell würden Fahrzeuge dann stillgelegt, wenn sie nicht mehr zulassungsfähig sind, erklärt Klinge. 

Im Fall der betroffenen VW-Abgasskandal-Fahrzeuge habe das Kraftfahrtbundesamt die Zulassung entzogen, aber eine Frist zur Umrüstung gesetzt – der Halter werde also darauf hingewiesen, das Auto umrüsten zu lassen. Tut er das nicht, meldet das Kraftfahrtbundesamt dies der Zulassungsstelle. „Das Kraftfahrtbundesamt entscheidet, die Zulassungsstelle führt aus“, sagt Klinge. Für Halter gebe es inzwischen die Möglichkeit, ein Beweissicherungsverfahren machen zu lassen und dann das Auto umzurüsten – dazu gibt es laut Klinge einschlägige Urteile und man vernichte so keine Beweismittel.

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