Mitarbeiterinnen: „Wir werden allein gelassen“

Pflegekräfte aus dem Werra-Meißner-Kreis fordern in Coronakrise mehr Personal

Stefanie Frese (links), Leiterin des Seniorenheims „Haus Kammersberg“ in Hessisch Lichtenau, und Pflegedienstleitung Susanne Appel-Grundmann mit den Therapiehunden Emil und Bruno
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Sie warnen vor einer Überlastung von Pflegepersonal: Stefanie Frese (links), Leiterin des Seniorenheims „Haus Kammersberg“ in Hessisch Lichtenau, und Pflegedienstleitung Susanne Appel-Grundmann mit den Therapiehunden Emil und Bruno.

Die Lage in den Pflegeheimen ist in der Corona-Pandemie besonders angespannt. Was das mit den Teams macht, haben uns Mitarbeiterinnen des Seniorenheims „Haus Kammersberg“ in Hessisch Lichtenau erzählt.

Die Bewohner von Seniorenheimen sind bei einer Infektion mit dem Coronavirus besonders gefährdet. Deshalb gelten seit Monaten besondere Regeln zu ihrem Schutz – die die Altenpfleger aufrechterhalten müssen. Darüber sprachen wir mit Stefanie Frese, Leiterin des Seniorenheims „Haus Kammersberg“ in Hessisch Lichtenau, und Pflegedienstleiterin Susanne Appel-Grundmann.

Die Besuchsregelungen für Seniorenheime wurden kürzlich ausgeweitet, Sie fühlen sich dabei allein gelassen. Warum?
Appel-Grundmann: Die Besucher müssen empfangen und registriert werden, wir müssen sie in die Sicherheitsvorkehrungen einweisen und nach Corona-Symptomen befragen. Dann müssen wir sie zu den Bewohnern bringen und wieder abholen. Keiner hilft uns, das zu stemmen. Eigentlich bräuchten wir eine zusätzliche Assistenz pro Schicht, die sich nur darum kümmert.
Und die ist nicht in Sicht?
Frese: Nein, nach den Vorgaben der Pflegekassen und des Gesetzgebers bestimmt der Pflegegrad der Bewohner den Personalstand. Das ist nicht unbedingt Sache des Trägers.
Appel-Grundmann: Als Pflegedienstleitung mache ich seit März kaum etwas anderes als Sicherheitskonzepte zu erstellen. Tipps für den besseren Einsatz von Personal etwa gibt es vom Land nicht. Da fühlt man sich schon im Stich gelassen, wenn man gleichzeitig die ganzen Vorgaben einhalten und dokumentieren muss. Es ist mir ein Rätsel, wie wir mit dem gleichen Personal die umfangreichen neuen Aufgaben dauerhaft schaffen sollen.
Die Lage der Pflegekräfte war zuletzt immer wieder Thema: Leute haben vom Balkon aus applaudiert, es gibt eine Bonuszahlung. Hilft Ihnen das?
Appel-Grundmann: Dankesschreiben sind ja sehr nett, helfen uns aber ebenso wenig wie der Pflegebonus. Besser wäre es etwa, wenn man einen Fonds für das Besuchermanagement einrichten würde, mit dem zusätzliches Personal finanziert werden könnte.
Wie geht es den Pflegekräften denn gerade?
Appel-Grundmann: Das Personal wird immer erschöpfter, das Arbeiten in der Wärme mit Mundschutz ist sehr anstrengend. Gleichzeitig sorgen sich die Mitarbeiter, dass eine zweite Welle mit Infektionen kommt. Durch die Erschöpfung wird der Personalstand weiter sinken, weil die Leute einfach krank werden und ausfallen. Außerdem steigt die Fehleranfälligkeit. Jetzt kommt auch noch die Urlaubszeit – wir können den Pflegekräften ja jetzt keinen Urlaub verwehren!
Frese: Mit der neuen Regelung dürften auch ehrenamtliche Helfer wieder in die Einrichtungen kommen. Aber so viele gibt es davon heutzutage auch nicht mehr.
Was erhoffen Sie sich von Öffentlichkeit und Politik?
Appel-Grundmann: Wir wissen seit 30 Jahren, dass der Pflegenotstand behoben werden muss. Die Realität ist: Pflegekräfte arbeiten bis zur Erschöpfung und darüber hinaus. Es muss menschenwürdigere Arbeitsbedingungen in der Pflege geben, junge Leute müssen wieder Lust bekommen, diesen Beruf zu ergreifen. Wir haben eine Arbeit mit Versorgungsauftrag und können keine Aufgaben liegen lassen, wenn zu wenig Personal da ist. Ich wünsche mir, dass uns die Politik da besser unterstützt.
Frese: Alle Einrichtungen kommen gerade an ihre Grenzen. Wir haben Angst, dass nach der Corona-Pandemie alles so bleibt, wie es ist. Aber wir brauchen dringend eine nachhaltige Veränderung von Arbeitsbedingungen in der Pflege! Und die Arbeit muss angemessen entlohnt werden, Fach- und Hilfskräfte müssen gut davon leben können.
Appel-Grundmann: Nur dann können wir die Bewohner dauerhaft so gut versorgen, wie sie es verdient haben.
Das klingt, als stünden Sie trotz der ganzen Mehrarbeit hinter der Lockerung der Besuchsregelung?
Appel-Grundmann: Wir sehen ja, dass die Bewohner leiden, wenn sie keinen Besuch bekommen. Viele Senioren bauen sonst schneller ab.
Frese: Man sehnt sich ja auch wieder nach etwas Normalität. Die Besuche am Zaun, die wir seit einiger Zeit angeboten haben, wurden gut angenommen. Es ist jetzt auch wieder erlaubt, dass Bewohner das Haus verlassen dürfen. Das ist gut, wir wollen sie ja auch nicht einsperren. Aber die Gefahr einer Infektion steigt natürlich. Und wir haben die Verantwortung für all unsere Bewohner. Wir hoffen jetzt, dass alle Besucher und Bewohner sehr vorsichtig sind.

Zu den Personen

Stefanie Frese ist seit 1998 examinierte Krankenschwester und seit 2003 ausgebildete Heim- und Pflegedienstleitung. Sie leitet das Haus Kammersberg seit Januar 2016 und lebt mit ihrem Partner in Wickersrode.

Susanne Appel-Grundmann hat 1991 ihre Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin erfolgreich abgeschlossen und ist seit 2008 ausgebildete Pflegedienstleitung. Diese Aufgabe übt sie seit 2016 auch im Haus Kammersberg aus. Sie lebt mit ihrem Partner in Hessisch Lichtenau.

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