Steinmetz Lothar Orth hat mit der Veränderung der Grabkultur zu kämpfen

Heute sind die Steine klein

Steinmetz mit Leib und Seele: Lothar Orth begann 1979 seine Lehre. 1991 übernahm er den Betrieb in Hundelshausen. Foto: C. Hartung

Hundelshausen. Vor einigen Jahren stand Lothar Orth noch mit drei Kollegen im Steinmetz-Betrieb in Hundelshausen. Doch mittlerweile erledigt er die Arbeit ganz alleine. „Die veränderte Grabkultur bedeutet weniger Arbeitsplätze“, weiß der Steinmetz.

1991 übernahm er den Betrieb in Hundelshausen, seitdem veränderte sich nicht nur die Anzahl der Mitarbeiter, sondern auch der Umfang und die Art der Aufträge. Durch die vielen Urnenbestattungen seien die bestellten Grabplatten wesentlich kleiner. Viele verzichten sogar komplett darauf. Orth schätzt, dass die Aufträge für Grabsteine in den vergangenen Jahren um ein Drittel zurückgegangen sind. „Aber der Umsatz ist bestimmt um die Hälfte geschrumpft.“ Denn die kleineren Platten seien auch entsprechend günstiger.

Wenn sich früher jemand in einer Urne vergraben ließ, sei das im Dorf als „unnormal“ angesehen worden. „Ich erinnere mich noch, als hier die erste Urne beigesetzt wurde“, erzählt Orth. „Darüber wurde gesprochen und vermutet, dass der Verstorbene nicht in der Kirche war.“

Meistertitel in Gefahr?

Mittlerweile seien sogar anonyme Bestattungen besonders beliebt. „Man hat heute so viele Möglichkeiten. Die Asche des Verstorbenen kann man sogar zum Diamanten verarbeiten lassen und als Ring tragen.“ Zudem würden viele gar keinen Steinmetz mehr beauftragen. In Friedwäldern zum Beispiel würden fast ausschließlich kleine „Klingelschilder“ an den Bäumen angebracht. Orth sieht die Gefahr für die Steinmetze aber nicht vorrangig in der veränderten Grabkultur. Er fürchtet, dass die Regierung eines Tages die Meisterpflicht im Steinmetzgewerbe aufheben könnte, so wie auch schon in zahlreichen anderen Berufen im Handwerk. Dann könnte sich jeder – auch ohne den Meistertitel – mit einem eigenen Steinmetzbetrieb selbstständig machen. „Die Regierung fördert dadurch den Pfusch im Handwerk, was wiederum den Ruf des Berufs verschlechtert.“

In Verruf geraten waren die Steinmetze jüngst auch, da herauskam, dass ihre Materialien, die aus Indien und China kommen, häufig von Kinderhänden gefertigt werden. „So etwas schadet uns enorm“, sagt Orth. Er beziehe sein Materialien ausschließlich von zertifizierten Lieferanten. „Ich muss mich darauf verlassen, wenn die mir sagen, dass keine Kinderarbeit dahinter steckt.“ Je nachdem wie aufwendig ein Grabmal gestaltet werden soll, braucht Orth ein bis zwei Tage für einen Stein. Manchmal könne es aber auch vier Tage dauern. Dass immer weniger Denkmäler angefertigt werden, findet er nicht nur wegen der zurückgehenden Umsätzen schade. Denn mit einem Denkmal könne man die Ruhestätte des Verstorbenen zu etwas Persönlichem machen – auch wenn es heute kleiner ausfällt.

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