Hochtechnisiert und doch von Menschen

HINTER DEN KULISSEN So arbeitet das Klinikum Werra-Meißner in Eschwege

Mit allen Wassern der Keim-Eliminierung gewaschen: Monika Heckmann leitet die Abteilung Sterilisation am Eschweger Krankenhaus. Jedes der Instrumente wird nach der ersten Desinfektion geölt und auf seine Funktionsfähigkeit überprüft.
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Mit allen Wassern der Keim-Eliminierung gewaschen: Monika Heckmann leitet die Abteilung Sterilisation am Eschweger Krankenhaus. Jedes der Instrumente wird nach der ersten Desinfektion geölt und auf seine Funktionsfähigkeit überprüft.

Es gibt Orte in unserer Umgebung, da kommt man als Normalsterblicher nicht hin. Umso interessanter sind sie deshalb. In unserer neuen Serie „Hinter den Kulissen“ stellen wir diese Orte vor.

Werra-Meißner – Wer das Untergeschoss des Eschweger Krankenhauses betritt, gelangt in eine hochkomplexe Welt. Ein Reich, in der Tausende Zahnräder ineinandergreifen, ohne deren beinahe perfektes Zusammenspiel der Betrieb eines Krankenhauses nach heutigen Standards kaum mehr denkbar wäre. Hochtechnisiert, gesteuert von Rechnern und gemacht durch Menschen.

Sterilisation

Herrin der zentralen Sterilisationsabteilung ist Monika Heckmann, seit fast 40 Jahren im Beruf und mit allen Wassern gewaschen, was das Eleminieren von Keimen angeht. Angeliefert werden die verunreinigten Utensilien vom OP-Besteck bis zum Lampenschirm aus beiden Häusern in Eschwege und Witzenhausen in Metallwagen, die mit einem Vorhängeschloss gesichert sind – und zwar auf der sogenannten „unreinen Seite“.

Dort werden die gitterartigen Tabletts mit den Medizinbestecken ausgepackt und in eine Art Waschmaschine gestellt, wo mit 90 Grad heißem Wasser eine erste Desinfektion vorgenommen wird. Dann passieren Mitarbeiter und Utensilien eine Schleuse auf die „reine Seite“. An einem Packplatz werden alle Instrumente geölt und auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft und dann streng nach Vorgaben wieder auf Tabletts sortiert, je nachdem, für welche Abteilung das sterile Gut bestimmt ist.

Erst dann erfolgt die eigentliche Sterilmachung in einem sogenannten Autoklaven, in dem die Instrumente für fünf Minuten bei genau 134 Grad Celsius heißem Dampf bleiben – exakt die Temperatur und Zeit, die notwendig ist, um Bakterien abzutöten. Danach wird alles wieder in verplombte Metallkisten verpackt und zurück auf die Abteilungen geschickt. Welcher Mitarbeiter was tut, welches Instrument wie wohin kommt und welche Prozesse es durchlaufen hat, wird digital und detailliert über Barcodes dokumentiert.

Heizung, Klima, Strom

Es könnte der Antrieb eines Raumschiffes sein oder ein Atomkraftwerk – auf alle Fälle ist es gigantisch, was sich im Kellergeschoss des Eschweger Krankenhauses verbirgt. Inmitten eines schier unendlichen Geflechtes aus Rohren und Schächten stehen die drei hochmodernen Blockheizkraftwerke, die nicht nur das Krankenhaus, sondern auch das Verwaltungsgebäude an der Luisenstraße und das Gesundheitsamt mit Wärme und Strom versorgen.

Die drei Blockheizkraftwerke im Keller des Krankenhauses erzeugen nicht nur die Wärme, sondern auch zwei Drittel der Energie, die das Krankenhaus jährlich verbraucht.

Von den 3,5 Millionen Kilowattstunden Strom, die das Klinikum jährlich verbraucht, werden hier zwei Millionen selbst produziert. „Wir verbrennen hier fast nur Gas und stellen pro Stunde 207 Kilowattstunden Wärme und 140 Kilowattstunden Strom her“, sagt Reiner Meister, technischer Leiter des Krankenhauses. Am Tag arbeiten alle drei Kraftwerke, nachts nur zwei. „Wir produzieren nichts, was wir nicht auch verbrauchen.“ Sollte das Gas mal ausfallen, lagern im Keller des Krankenhauses in einem riesigen Tank 355 000 Liter Heizöl.

Die Heizungs- und Belüftungs- beziehungsweise Klimaanlage wird gesteuert und kontrolliert durch Rechner, die das diffizile System überwachen. Aber auch die Techniker können über den Computer praktisch jedes Zimmer, jeden OP-Saal, jeden Untersuchungsraum ansteuern. „Die Anlage ist relativ stabil“, sagt Meister. Für Störfälle gibt es rund um die Uhr einen Bereitschaftsdienst und viele Sicherheitsmechanismen, die automatisch greifen. Sollte beispielsweise der Strom ausfallen, springt nach 14 Sekunden der Notstromgenerator an – doch 14 Sekunden sind in einem OP ein lange Zeit, deshalb gibt es dafür Batterien, die den Zeitraum überbrücken.

„Das alles geschieht im Moment eines Wimpernschlages“, sagt Haustechniker Karsten Lenz. Dann könne zumindest der Eingriff im OP noch beendet werden.

Speed-Dress-Room

Der sogenannte Speed-Dress-Room ist ein Raum von durchaus überschaubarer Größe – und doch lagert hier die Dienstkleidung für 800 Mitarbeiter des Krankenhauses. Auch hier gibt es ein ausgetüfteltes digitales System, erklärt die Leiterin der Abteilung Hauswirtschaft Nicole Klötzel.

Kleiderschrank für 800 Mitarbeiter: In dem Speed-Dress-Room lagert die Dienstbekleidung, die sich jeder Mitarbeiter dort abholen kann.

Jedem steht ein gewisses Kontingent an Kleidung zu, das er sich abholen kann. Dazu muss eine Schleuse passiert werden, die erkennt, wer eintritt und welche Kleidungsstücke er nimmt, denn auch jedes Teil hat einen Chip. Nimmt ein Mitarbeiter, zum Beispiel ein Arzt, statt seiner weißen Kleidung eine hellblaue Businessbluse an sich, kann er den Speed-Dress-Room zwar wieder verlassen, kommt aber nicht wieder rein, bevor er das ihm nicht zugeordnete Kleidungsstück wieder abgeliefert hat. „Mit diesem System ist der Durchfluss deutlich schneller geworden und wir brauchen viel weniger Kleidungsstücke“, sagt Nicole Klötzel.

Einkauf

„Wir leben just in time“, sagt der Leiter der Abteilung Einkauf, Thomas Kiedos. Das Krankenhaus hat nur ein kleines Notfalllager, alle Artikel, die das Krankenhaus tagtäglich benötigt, werden bestellt, angeliefert und sofort an die Stationen ausgegeben. Um die 20 000 Artikel hat Kiedos auf seiner Einkaufsliste, zum Beispiel die 111 Millionen Untersuchungshandschuhe, die jedes Jahr im Krankenhaus verbraucht werden. Über ihn läuft jeder Einkauf vom Kugelschreiber, Klopapier bis zum Herzkatheter und Defibrillator. Damit der Bedarf der Stationen am Krankenhaus den Einkäufer erreicht, durchwandern Versorgungsassistenen aus der Hauswirtschaft dreimal wöchentlich das Haus. (Stefanie Salzmann)

Nur für wenige zugänglich: Thomas Kiedos, Leiter des Einkaufes, vor der Warenanlieferung.

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