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Hohe Dieselpreise belasten viele Firmen in der Region

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Von: Konstantin Mennecke

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Im Einsatz: der Fendt e100 Vario für Agrifotovoltaik. Mit Fotovoltaik-Anlagen können im Obstanbau herkömmliche Hagelschutz-Installationen ersetzt und gleichzeitig Strom produziert werden.
Im Einsatz: der Fendt e100 Vario für Agrifotovoltaik. Mit Fotovoltaik-Anlagen können im Obstanbau herkömmliche Hagelschutz-Installationen ersetzt und gleichzeitig Strom produziert werden. © Fendt/Copyright AGCO GmbH

2,17 Euro pro Liter Diesel, ganz gleich ob für Lkw oder Autos, wurde zum Start in diese Woche an den Preismasten in der Region aufgerufen. Was für den Privatmenschen, insbesondere für Berufspendler, schon schwer zu stemmen ist, bringt Unternehmen aktuell zunehmend in Existenzangst.

Werra-Meißner - Mehr noch: Zuverlässige Kostenkalkulationen sind durch das Spritpreis-Auf und -Ab nahezu unmöglich. Ganz konkret beziffern kann das Bernd Frölich, Geschäftsführer der Frölich-Reisen aus Hessisch Lichtenau. Das Unternehmen, das im Linienverkehr ebenso tätig ist, wie im Bereich der Bus- und Gruppenreisen, benötigt zwischen 3 und 3,5 Millionen Liter Dieselkraftstoff im Jahr. Gemessen an den Preisen, die vor Kriegsbeginn mit im Schnitt 1,65 Euro auf hohem Niveau lagen, gehen die Mehrkosten in dem Bereich über eine Million Euro. Diese Kosten würden, was den Linienverkehr angeht, sehr gut von den Auftraggebern aufgefangen werden. Bei Busreisen wurden die Angebote aber 2021 geschrieben. „Wir hatten keine Chance, das zu kalkulieren.“

Auffangen könnte diese Entwicklung eine ungebrochen hohe Reiselust der Deutschen. Diese sei seit Kriegsbeginn aber deutlich gedämpft. Dabei ergebe eine Busreise aktuell durchaus Sinn. „Wir müssen bei aktuellen Angeboten von den höchsten Kraftstoffpreisen ausgehen. Die Mehrkosten sind pro Kopf in einem mit 50 Personen besetzten Reisebus aber deutlich geringer als im Individualverkehr“, betont Frölich. Rund 25 Liter benötige ein Bus auf 100 Kilometer. Grundsätzlich, so Bernd Frölich, gehe es in der Branche aktuell nicht mehr um Wirtschaftlichkeit. „Zahlreiche Betriebe kämpfen nur noch um ihre Existenz.“

Große Veränderungen kann es nach Auffassung von Katharina Nennewitz vom Biolandhof Werragut in Eschwege geben. „Ich befürchte, dass die teuren Dieselpreise bei vielen Betrieben dazu führen, dass nur noch das angebaut wird, was den meisten Gewinn erzielt, das heißt, dass die Anbauvielfalt eingeschränkt wird, was Nachteile für die Insekten, die wild lebenden Kleintiere und Vögel hätte.“

Lohn für Arbeit wird weniger

Die aktuell hohen Dieselpreise ändern mit Blick auf den Betriebsablauf auf dem Werragut bei Eschwege zwar nichts. Das liegt aber auch an der Einstellung der Familie vor Ort. „Wir kommen mit der zu erwarteten Gewinneinschränkung zurecht, weil wir ganz bescheiden leben. Das heißt, wir nehmen es in Kauf, dass der Lohn für unsere Arbeit immer weniger wird“, sagt Katharina Nennewitz auf Anfrage unserer Zeitung.

Die landwirtschaftlichen Maschinen sind auf Diesel angewiesen – unabhängig davon, wie der Dieselpreis aussieht. „Unser Trecker, 140 PS, braucht bei Arbeiten auf dem Acker 8 bis 10 Liter Diesel pro Stunde, bei Mäharbeiten auf der Wiese sind es circa 5 bis 6 Liter, der Mähdrescher braucht 18 bis 20 Liter pro Hektar Getreideernte“, so Nennewitz. Sollte die Preisentwicklung tatsächlich dazu führen, dass nur noch gewinnorientiert angebaut werden würde, hätte das noch weitere Folgen. „Grünland würde nicht mehr gemäht werden, was Verbuschung zur Folge hätte. Naturschutz - und Extensivmaßnahmen in der Landwirtschaft, zum Beispiel das Aussäen von Hummelschutzstreifen und Ähnliches, würden stark reduziert werden“, so Nennewitz.

Sollten die Dieselpreise auf dem aktuell hohen Niveau bleiben, muss das Werragut seine Mutterkuhherde mit zehn Kühen und Nachzucht abschaffen, weil so das Heumachen und die Grünland-Pflegearbeiten eingespart werden könnten. „Aber das wäre schade, weil wir eine vom Aussterben bedrohte Rinderrasse halten, mit der wir aber schon immer keinen Gewinn, sondern nur Kostendeckung erzielen.“

Hersteller forschen an Elektro-Traktoren

Von der Bundesregierung wünscht sich Nennewitz, dass die Ackerbearbeitung mit Kaltblutpferden ebenso gefördert wird, wie die Anschaffung von Elektro- oder Wasserstofftraktoren.

Nach HNA-Recherchen forschen diverse Hersteller an Elektro-Traktoren. Fendt hat bereits 2017 den e100 Vario auf den Markt gebracht, John Deere hat mit dem „ 8R 410 eAutoPowr“ einen noch dieses Jahr erhältlichen Traktor vorgestellt, der Anbaugeräte elektrisch antreibt und Fahrgeschwindigkeiten bis 5 km/h ebenfalls voll elektrisch möglich macht.

Für Traktoren mit Wasserstoffantrieb hat Hersteller Fendt laut einer Pressemitteilung im Februar einen Preis für die Forschung im Modellprojekt „H2Agrar“ gewonnen. „Im landwirtschaftlichen Modellprojekt H2Agrar werden erstmalig mehrere Prototypen eines wasserstoffbetriebenen Traktors ganz regulär auf landwirtschaftlichen Betrieben eingesetzt. Ziel des Projektes ist die Erforschung und der Aufbau einer Infrastruktur für Wasserstoff für die Landwirtschaft in der Modellregion Emsland“, heißt es. Zu kaufen gibt es bislang noch kein Trecker-Modell mit Wasserstoff-Antrieb – obwohl New Holland bereits 2009 einen Prototypen präsentiert hatte.

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