246 Menschen verloren ihre Unterkunft

Im Jahr 1821 löste eine Lampe einen Brand in Sontra aus

Der Brand am 13. November 1821 wurde in einem kleinen Stall ausgelöst – dieser befand sich zwischen der Straße Niederstadt und der damaligen, darüberliegenden Scheuergasse. Das Bild stammt aus dem Staatsarchiv Marburg. REPRO: Dieter Pelda
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Der Brand am 13. November 1821 wurde in einem kleinen Stall ausgelöst – dieser befand sich zwischen der Straße Niederstadt und der damaligen, darüberliegenden Scheuergasse. Das Bild stammt aus dem Staatsarchiv Marburg. REPRO: Dieter Pelda

Am 13. November 1821 verloren durch einen Brand in Sontra viele Menschen ihr Zuhause. Der ehemalige Archivar Dieter Pelda hat die Geschichte aufgearbeitet.

Das verheerende Feuer in Sontra brach kurz vor 17 Uhr am 13. November 1821 aus. Ausgelöst wurde es in einem kleinen Stall, wie Dieter Pelda im Marburger Staatsarchiv herausfand. Dieser Stall befand sich zwischen der Niederstadt und der damaligen, darüberliegenden Scheuergasse in Sontra.

Rentmeister Rothamel in Reichensachsen sah 1821 den roten Feuerschein am Himmel und machte sich auf den Weg nach Sontra. „Gegen ungefähr des Abends fünf Uhr wurde ich aus meinem Fenster eine Erleuchtung gegen Sontra hin am Himmel gewahr, die ich gleich auf eine Feuersbrunst deutete“, beschreibt er das damalige Geschehen.

Seiner Beschreibung zufolge rückten zwölf Feuerwehrmannschaften aus zehn Ortsteilen an, um den Brand bis zum nächsten Tag zu bekämpfen – dazu zählten unter anderem Wichmannshausen, Bischhausen, Eschwege, Rotenburg und Ulfen.

Warum es zu dem Brand kam, blieb unklar. Gerüchten zufolge soll der Buchbinder Wolf in seiner Scheune Getreidegarben von dem Boden zum Dreschen herabgeworfen und dabei die letzte untenstehende Lampe getroffen haben – deren Glas ging zu Bruch und die Flamme in der Lampe soll das Stroh entzündet haben.

Möglicherweise hat der Buchbinder aber auch nach einer fehlenden Garbe auf dem Boden gesucht und dabei die brennende Kerze aus der Laterne genommen, wodurch das Unglück geschehen konnte. Doch es gibt auch ein weiteres Gerücht, wie Dieter Pelda im Marburger Staatsarchiv recherchiert hat: Der Sattler Rehm habe seine Magd in die Scheune geschickt, um dort nach einer bestimmten Sorte Stroh zu suchen. Der Sattler ging dann jedoch selbst in die Scheune und habe dort ein Licht ohne die entsprechende Laterne angezündet. Auch diese Mutmaßung könnte den Brand ausgelöst haben.

Insgesamt waren 35 Haushalte von dem Brand betroffen, verbrannt waren rund 8204 Quadratmeter an Wohn-, Stall- und Scheunenfläche. 27 Wohnhäuser, 21 Scheunen und 23 Ställe verbrannten unter anderem am 13. November 1821. Binnen weniger Stunden verloren 246 Personen ihr Dach über dem Kopf.

Doch wo sollten nun all die Menschen, die alles verloren hatten, mitten im Winter untergebracht werden? „Wohnungsleerstand gab es aber bis auf ein kleines Haus des Bürgermeisters Fröhlich nicht“, sagt Dieter Pelda. Also mussten die Einwohner Sontras helfen, die vom Feuer verschont geblieben waren.

„Und hier zeigte sich der Vorzug einer funktionierenden Stadtgemeinschaft“, meint Pelda. Zahlreiche Einwohner engagierten sich und nahmen die Menschen bei sich auf. Doch die Ausstattung der Räumlichkeiten war nicht für viele Personen geeignet – es war eng, Öfen und Schornsteine fehlten, denn nicht alle Räume eines Hauses waren auch beheizbar. „Ein solches großes und furchtbares Ereignis rief natürlich die Obrigkeit auf den Plan“, sagt Pelda.

Die Betroffenen waren untergebracht, jetzt musste es also um den Wiederaufbau gehen – und das mit landesweiter Hilfe. 1767 war in Kassel die Brandversicherung ins Leben gerufen worden, danach waren alle Gebäude gegen Feuer zu versichern. Unterschieden wurde dabei zwischen Wohnhäusern, Scheunen, Ställen und sonstigen Bauten, was unterschiedliche Bewertungen (Versicherungssummen) zur Folge hatte, berichtet Pelda.

„Der Oberschultheiß Frankenberg in Sontra stellte insgesamt einen Gebäudeschaden von 18 280 Reichstalern fest.“ Nach Abzug der von der Versicherung gezahlten Gelder machten auch die Opfer des Brandes die weiteren Schäden geltend. Letztlich wurde ein Verlust an Mobiliar und Immobilien in Höhe von 18 513 Reichstalern festgestellt. Ausgezahlt wurden 17 035 Reichstaler, 12 Albus und ein Heller.

Angesichts der Brandkatastrophe ergingen Spendenaufrufe an alle Behörden des Landes. So spendete beispielsweise die Regierung in Kassel 50 Viertel Korn, die Kurfürstin ließ durch die Landrätin von Baumbach zu Nentershausen Nahrungsmittel für 300 Reichstaler verteilen. Auch Kleiderspenden erreichten in Paketen Sontra.

Eine Kommission wurde gebildet, die die Spenden in Empfang nahm und nach eigenem Ermessen an die Opfer verteilte. Sie erklärte in ihrem Bericht jedoch, dass die Auszahlung der Hilfsgelder erst in einigen Monaten und vielleicht bis Ende des Jahres dauern würde.

Wie sollte nun der Wiederaufbau vor Ort gelingen? Das zerstörte Areal sollte komplett neu geplant werden. Damit wurden der Oberschultheiß Frankenberg und Bauconducteur Matthei in den Soden beauftragt. Nach ihren Vorstellungen war es wichtig, dass die Straßen und Gassen erweitert werden – es ging um einen geraden Verlauf und die rechtwinkelige Ausrichtung der angrenzenden Grundstücke.

„Bei dieser Neuordnung kam es zwangsläufig zu zum Teil erheblichen Veränderungen im Zuschnitt der alten, nunmehr neuen Grundstücke. Auch wollten einige der Geschädigten ihre Gebäude nicht wieder aufbauen“, erklärt Pelda. Außerdem wurde vorgeschlagen, dass die Scheunen, die zum schnellen Ausbreiten des Feuers besonders beigetragen hatten, von den Wohnhäusern weiter weg errichtet werden.

Wie der Wiederaufbau in Sontra letztlich durchgeführt wurde und welche Probleme es dabei gab, recherchiert Dieter Pelda aktuell im Marburger Staatsarchiv weiter. (Von Julia Stüber)

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