Das Leben nach der Rückkehr

Im Jahr 1955 kamen die Spätheimkehrer in Herleshausen an

Ein Mithäftling zeichnete Dr. Ludwig Krabbe in Kriegsgefangenschaft. Das Bild befindet sich ebenfalls im Grenzbahnhof in Herleshausen. REPRO: EDEN SOPHIE RIMBACH
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Ein Mithäftling zeichnete Dr. Ludwig Krabbe in Kriegsgefangenschaft. Das Bild befindet sich ebenfalls im Grenzbahnhof in Herleshausen. REPRO: EDEN SOPHIE RIMBACH

„Die ganze Stadt hat gewartet“, erinnert sich Sybill Knickenberg mit Blick auf die Zeit vor der Heimkehr ihres Vaters Dr. Ludwig Krabbe, dessen Ankunft in Münster am 16. Oktober 1955 und die Heimkehr eines weiteren Mannes aus ihrem damaligen Wohnbezirk in Münster.

Familie, Freunde und Studienkollegen feierten die Ankunft des Spätheimkehrers und ihn erwartete auch eine Frau aus Münster, die sich aufgrund ihres in Gefangenschaft befindlichen Sohnes für die Heimkehr der letzten Zehntausend eingesetzt hatte.

Sie war drei Tage vor Adenauers Besuch in Moskau nach Bonn gefahren, um dies mit einem Schild mit der Aufforderung darauf vor dem Kanzleramt einzufordern. Auch ihr Sohn kam als Spätheimkehrer zurück, heiratete später und gründete eine Familie. Von der großen Freude vonseiten Sybills Schule und ihrer Klasse zeugt ein Brief, der im Grenzbahnhof für Zeitgeschichte in Herleshausen zu finden ist.

Dass ihre eigene Familie im Vergleich zu vielen anderen mit einem ähnlichen Schicksal viel Glück gehabt habe, betont Knickenberg, erinnert sich, dass ihr Vater und sie vom ersten Augenblick an ein Herz und eine Seele waren, bis zu seinem Tod ein gutes Verhältnis hatten.

Ihr Vater findet im Herbst 1955 schnell wieder in die Familie und den nach 13 Jahren veränderten Alltag, unterrichtet bereits mit Beginn des neuen Schuljahres Ostern 1956 wieder an einem Gymnasium in Münster.

„Ein Mensch voller Optimismus“, beschreibt sie ihren Vater, erinnert daran, wie keine Entfremdung zwischen ihren Eltern stattgefunden habe, der Vater durch Fotos, Briefe, Erzählungen und Berichte von Heimkehrern, die ihn kennengelernt hatten, stets in ihrem Leben und die Familie für ihn ebenso in seinen Gedanken präsent gewesen war.

Ein Jahr nach seiner Heimkehr macht die kleine Schwester von Sybill die Familie komplett. „Es war genug, wir schauten nach vorne“, sagt Knickenberg.

Fragen über die Zeit in der Gefangenschaft stellen sie und ihre Mutter damals nicht, wenn über die Vergangenheit gesprochen wird, geht es meist um die Zeit vor 1939. Wenngleich der Vater oft gebeten wird: „Erzählen Sie mal!“, hält er lediglich einmal einen Vortrag über seine Erlebnisse, erzählt aber später, dass er sich stets sicher war, dass er wieder nach Hause kommen würde.

Ähnliches erlebt eine Familie aus der Nähe, bei der Mutter und Sohn vor der Rückkehr der Väter oft die Wochenenden mit Sybill und ihrer Mutter verbringen, an denen das Fehlen der Väter ansonsten sehr deutlich wird.

Wenige Monate nach Krabbe kommt dieser Spätheimkehrer nach Münster, auch diese Familie bekommt ein weiteres Kind.

Dass es andere Schicksale gibt, weiß Knickenberg, blickt dabei auf Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“, das neben dem Tagebuch der Anne Frank bereits in den 50er-Jahren zur Schullektüre wird, und den Film „Das Wunder von Bern“, die jeweils für diese Zeit stehen.

Während Krabbe in der Zeit der Gefangenschaft auch die Musik hilft, lernt der Gymnasiallehrer, der einst Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch studiert hat, durch einen deutsch-russischen Mitgefangenen Russisch.

Als die Eltern mit der jüngeren Tochter am 3. März 1960 ihrer älteren Tochter Sybill nach deren Abiturprüfung gratulieren, kann Krabbe nach einem Moment mitteilen, dass er ebenfalls eine Prüfung bestanden hat: Das Staatsexamen in Russisch ermöglicht es ihm, ein Jahr später mit einem Professor die ersten aus der DDR geflohenen Abiturienten zu unterrichten.

Zu dieser Zeit gibt es fünf Gymnasien in Münster, die wenigen Abiturienten, die vor ihrer Flucht bereits Russisch in der Schule gelernt haben, werden ab sieben Uhr eine Schulstunde unterrichtet. Ein wichtiger Tag bleibt der 15. Oktober im Leben der Familie Krabbe weiter: Lange erinnert sie sich an diesem Datum bewusst an den Tag im Jahr 1955.

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