Keine Immunisierung trotz hoher Lebensgefahr

Impfrat lehnt Einwand von Wanfrieder ab

Eine Frau mit weißen Haaren bekommt eine blaue Spritze in ihren rechten Arm.
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Werner Müller-Gall aus dem Wanfrieder Stadtteil Heldra blieb die Schutzimpfung gegen das Coronavirus bislang verwehrt, obwohl ihm aufgrund einer chronischen Lungenerkrankung ärztlich attestiert wird, eine Covid-19-Infektion nicht überleben zu können.

Werner Müller-Gall aus Wanfried ist 72 Jahre alt, chronisch krank und wartet vergeblich auf eine Impfung gegen das Coronavirus.

Wanfried – Werner Müller-Gall aus dem Wanfrieder Stadtteil Heldra ist 72 Jahre alt. Er gehört nach dem dritten Paragrafen der Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus des Bundesministeriums für Gesundheit zur Gruppe der „Schutzimpfungen mit hoher Priorität“ – auf eine Impfung gegen das Coronavirus wartet er aber vergeblich. Trotz eines ärztlichen Attests, welches ihm bescheinigt, eine Infektion nicht überleben zu können.

Probleme bei der Impfterminvergabe

Nach eigenen Angaben meldete sich Müller-Gall am 23. Februar über das Internet beim Land Hessen für eine Impfung an, die auch bestätigt wurde. Zwischenzeitlich stellte seine Hausärztin am 25. Februar eine Lungenfibrose, eine chronische Entzündung des Lungenbindegewebes, fest. „Da ich in der Region keinen zeitnahen Termin bei einem Lungenfacharzt bekommen konnte, wandte ich mich an meine langjährige Fachärztin in Heppenheim“, sagt Müller-Gall, der aus Heldra stammt, aber mehrere Jahrzehnte im südhessischen Darmstadt lebte.

Am 4. März verließ er die Praxis für Innere Medizin und Pneumologie mit einem entsprechenden ärztlichen Attest. In dem Dokument, das der Redaktion vorliegt, heißt es: „Der Patient leidet an einer schweren chronischen Erkrankung der Lunge, die zurzeit aktiviert ist und dadurch eine weitere Verschlechterung der Sauerstoffversorgung bedeutet.“

Keine Chance gegen Corona

Im Falle einer Covid-19-Erkrankung habe der Patient keine Chance, diese zu überleben. Und weiter: „Eine Covid-19-Impfung ist bei dem Patienten dringend erforderlich, damit eine hoch dosierte Kortisontherapie durchgeführt werden kann.“ Daraufhin habe Müller-Gall zunächst versucht, die neue Situation im Online-System des Landes Hessen unterzubringen – was nicht möglich gewesen sei. Auch viele Telefonate mit verschiedenen Service-Hotlines hätten nicht geholfen.

Am 24. März wandte er sich deswegen mit seinem Anliegen an den im Februar gegründeten Impfrat des Werra-Meißner-Kreises, der individuell über die Vergabe von übrig gebliebenen Impfdosen gegen das Coronavirus entscheidet. Bereits einen Tag später sei allerdings sein Anliegen, in die Warteliste aufgenommen zu werden, abgelehnt worden. Der E-Mail-Schriftverkehr zwischen dem Wanfrieder Werner Müller-Gall und dem Impfrat des Werra-Meißner-Kreises liegt der Redaktion vor.

Die Begründung der Absage: Auch auf der Warteliste sei die Priorisierung der Anspruchsberechtigung einzuhalten. Aktuell würden daher Personen der zweiten Priorisierungsstufe, in der Verordnung unter „Schutzimpfungen mit höchster Priorität“ benannt, bevorzugt berücksichtigt.

Hohe statt höchster Prioritätsgruppe

Zu diesen Personen zählten laut Impfrat Menschen, bei denen „aufgrund besonderer gesundheitlicher Umstände ein sehr hohes oder hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf nach einer Covid-19-Infektion“ vorliege. Dazu zählen vor allem Menschen, die das 80. Lebensjahr vollendet haben sowie medizinisches Personal.

Müller-Gall gehört zur Gruppe „Schutzimpfungen mit hoher Priorität“ – und nicht höchster. Auch in dieser Impf-Prioritätsgruppe werden Personen berücksichtigt, die ein sehr hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf haben. Auch schwere chronische Lungenerkrankungen werden genannt.

Weil Müller-Gall die Welt nicht mehr verstand, legte er einen Einspruch gegen die Entscheidung des Impfrates ein. Auch diesen lehnte der Impfrat des Kreises ab, obwohl seine Fachärztin die Kriterien, um in die Warteliste aufgenommen zu werden, bestätigt habe, so Müller-Gall. In die Warteliste könne er nicht aufgenommen werden, weil dort nur wenige begründete Anträge schwer kranker Menschen berücksichtigt werden könnten, so die Antwort-E-Mail des Impfrates Das Gremium bat den Wanfrieder um Geduld, bis er einen Termin von der zentralen Vergabestelle des Landes erhalten würde.

Müller-Gall hofft nun derweil darauf, über seine Hausärztin geimpft werden zu können. Nach seinen bisherigen Erfahrungen sei er aber skeptisch. Er kritisiert, dass es keine Möglichkeit gibt, die persönliche individuelle Situation angemessen einzubringen, außerdem würden kompetente Ansprechpartner fehlen. Der Werra-Meißner-Kreis wollte sich aufgrund des Gesundheitsdatenschutzes nicht zu dem Fall äußern. Maurice Morth

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