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„In jedem Leben keimt die Ewigkeit“

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Von: Stefanie Salzmann

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Der Tod gehört zum Leben. Dieses Bild befindet sich an einer Kirche in Bayern. Neben dem Tod steht „Gedenk, oh Mensch, dass du Staub bist und wieder zu Staub werden wirst.“
Der Tod gehört zum Leben. Dieses Bild befindet sich an einer Kirche in Bayern. Neben dem Tod steht „Gedenk, oh Mensch, dass du Staub bist und wieder zu Staub werden wirst.“ © IMAGO/Rolf Poss

MONTAGSINTERVIEW mit dem Eschweger Bestatter Henning Bartels über den Tod, das Streben und unsere Trauerkultur.

Werra-Meißner – Vieles hat sich verändert, doch das Sterben bleibt. Der November ist die Zeit im Jahr, an denen der Toten besonders gedacht wird. Der Bestatter Henning Bartels spricht darüber, wie der Umgang und das Verhältnis mit und um den Tod unser Leben reicher machen kann.

Warum sind Sie Bestatter geworden?

Henning Bartels: Entgegen den Traditionen bin ich der Erste aus meiner Familie, der Bestatter geworden ist. Ich wollte eigentlich gemeinsam mit meinem Freund das Geschäft von dessen früh verstorbenem Vater übernehmen. Aber kurz vor unserem geplanten Start starb auch er und so habe ich später das Unternehmen allein übernommen.

Als Bestatter haben Sie jeden Tag mit dem Tod zu tun. Haben Sie selbst Angst vor dem Tod?

Ja, natürlich habe ich Angst vor dem Tod. Der hat so etwas Endgültiges. Mehr Angst als vor dem Tod habe ich aber vor dem Sterben, vor einem langen, schweren Sterbeprozess. Aber grundsätzlich finde ich den Tod eine gute, gerechte und natürliche Einrichtung. Wir alle müssen für nachfolgende Generationen Platz machen.

Hat sich Ihr Verhältnis zum Tod seither verändert?

Ja, aber noch viel stärker hat sich mein Verhältnis zum Leben geändert. Da nehme ich viele Dinge nicht mehr als selbstverständlich hin.

Wir leben immer länger und wir sterben immer länger. Was hat das aus Ihrer Sicht geändert?

Diese Tatsache bringt unter anderem die moderne Medizin mit sich. Deshalb ist auch der Hospizgedanke so wichtig, der im Kern sagt, das Leben nicht nur mit Tagen anzufüllen, sondern die Tage mit Leben.

Was sind die guten Momente in Ihrem Beruf?

Das, was einem Wert gibt, ohne dass die Angehörigen oder Hinterbliebenen das sagen müssen. Die Menschen zu begleiten und zu verstehen, welchen Weg sie bei der Trauer gehen.

Misslingt das auch manchmal?

Das hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel wie bereit Menschen sind, sich zu öffnen. Auch bei einem Bestatter arbeiten Menschen und manchmal wünscht man sich, dass es eine zweite Chance gibt. Und man darf nicht vergessen, dass Bestattung zu Teilen auch etwas sehr Bürokratisches und Technisches ist.

Gibt es Dinge in Ihrem Beruf, die Ihnen besonders nahe gehen?

Der Tod von Kindern macht mich immer betroffen. Ich habe selbst drei kleine Kinder im Alter von 8, 6 und vier Jahren. Zugleich ist das für mich persönlich immer ein guter Indikator, dass ich noch nicht abgestumpft bin. Auch besonders tragische oder viel zu frühe Tode berühren mich. Das zeigt mit, dass man sein Verhältnis zum Leben überdenken muss. Berührend sind aber auch Angehörige, die bei der Trauerfeier selbst sprechen, weil ich weiß, wie hoch der emotionale Berg ist.

Vergleicht man Todesanzeigen in der Zeitung von vor Jahrzehnten mit heute, ist da ein Wandel festzustellen. Was ist anders geworden?

Erst mal, was geblieben ist: Kein Teil der Zeitung wird intensiver gelesen als die Todesanzeigen. Das spielt auf dem Land eine große Rolle, weil sich viele Menschen kennen. Aber in den Todesanzeigen heute wird viel mehr Persönliches gezeigt, wie zu Beispiel Fotos. Hat ein Verstobener gern Mallorca bereist, findet sich in der Anzeige ein Foto der Insel. Früher war es eher eine Mitteilung, heute ist es oft eine Botschaft.

Humor in Todesanzeigen gilt heute auch nicht mehr als pietätlos.

Ja, aber das ist eine Entwicklung, die unsere ländliche Region noch nicht so richtig erreicht hat.

Haben zwei Jahre Pandemie das Trauern verändert?

Wir haben zwei Jahre gelernt, nur noch im allerengsten Kreis Trauerfeiern zu begehen. Spannend wird die Antwort auf die Frage sein, ob wir das beibehalten oder ob es doch wichtig und gut ist, in größerer Gemeinschaft Abschied zu nehmen.

Anders als in anderen Kulturkreisen ist das Thema Tod bei uns immer noch ein Tabuthema. Kommt da inzwischen Bewegung in die Gesellschaft?

Vor allem die Arbeit der Hospiz- und Palliativgruppen ist hier sehr wichtig, die das Sterben ins Bewusstsein bringen und inzwischen dabei auch auf nahrhaften Boden treffen. Denn eins ist klar: In jedem Leben keimt die Ewigkeit. (Stefanie Salzmann)

Zur Person

Henning Bartels (41) führt seit 2008 in Eschwege ein Bestattungsunternehmen, das er eigentlich mit einem Freund zusammen übernehmen wollte, der aber kurz vorher starb. Bartels ist in Eschwege geboren und aufgewachsen, ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er ist Jäger und engagiert sich im Jagdverein Hubertus Eschwege, in der örtlichen Hospizgruppe und ist Stadtverordneter. „Ich bin heimatverbunden und mag es einfach, die Leuchtberge zu sehen“, sagt er. (Stefanie Salzmann)

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