Montagsinterview mit Thekla Rotermund-Capar

Sorgearbeit der Frauen: „Ihr Wert muss erkannt werden“

„Nur“ Hausfrau? Die Sorgearbeit in den Familien leisten zum überwiegenden Teil Frauen. Noch immer mangelt es an Wertschätzung.
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„Nur“ Hausfrau? Die Sorgearbeit in den Familien leisten zum überwiegenden Teil Frauen. Noch immer mangelt es an Wertschätzung.

Die Gleichstellungsbeauftragte des Werra-Meißner-Kreises, Thekla Rotermund-Capar, spricht im Interview darüber, ob es utopisch ist, dass die Sorgearbeit der Frauen entlohnt wird.

Werra-Meißner – Care-Arbeit ist die Arbeit, die man erst merkt, wenn sie nicht gemacht wird. Putzen, kochen, Kinder großziehen – diese Tätigkeiten des Sorgens, Sich-Kümmerns und der Fürsorge sind essentiell für unsere Gesellschaft. Dennoch erfahren die noch immer zum überwiegenden Teil von Frauen erledigten Sorgearbeiten nur geringe Wertschätzung. Wir sprachen mit Thekla Rotermund-Capar, Gleichstellungsbeauftragte des Werra-Meißner-Kreises.

Frau Rotermund-Capar, womit verbinden wir den Begriff „Arbeit“?
Würden in Deutschland dazu Menschen in einer Fußgängerzone befragt, dann würden die meisten wohl Tätigkeiten beschreiben, für die man Geld bekommt. Arbeit kann Anerkennung bedeuten, sie kann Spaß machen. Sie kann einen großen Teil des eigenen Selbstverständnisses ausmachen. Doch Arbeit ist mehr als das: Für den größten Anteil der Arbeitsstunden, die Menschen weltweit leisten, bezahlt niemand etwas.
Wenn man also über eine Mutter, die in den ersten Jahren ihr Kind zu Hause betreut, sagt „Sie arbeitet gerade nicht“ – stimmt das dann?
Nein, das stimmt nicht. Wir haben vor Jahren eine Kampagne zum Thema „Nur Hausfrau“ durchgeführt und aufgelistet, über welche Kompetenzen eine Hausfrau und Mutter verfügen muss, um die sich täglich wiederholenden Arbeiten zu bewältigen. Sie leistet die Arbeit einer Kinderpflegerin, Erzieherin, Lehrerin, Reinigungskraft, Hauswirtschafterin, Chauffeurin, Managerin, Gärtnerin, Hausmeisterin und so weiter. Diese Arbeiten führt sie ohne geregelte Arbeitszeiten durch und sie hören auch am Wochenende nicht auf.
Beispiele rund um die Care-Arbeit beziehen sich oft auf Frauen. Ist Care-Arbeit ein reines Frauenthema?
Es ist leider so, dass zwei Drittel der Care-Arbeit in der Familie und im sozialen Ehrenamt unentgeltlich und unsichtbar von Frauen geleistet wird. Diese Tatsache steht in Verbindung mit einer Teilzeit-Berufstätigkeit oder Arbeit in Minijobs und damit, dass Männer nach wie vor einer Vollzeit-Erwerbstätigkeit nachgehen und als Familienernährer gelten. Männer würden sich gerne stärker in die Familienarbeit einbringen, nehmen aber nach wie vor mehrheitlich nur zwei Monate Elternzeit in Anspruch. Sie befürchten, dass ihnen eine längere Elternzeit Nachteile bringt. Dem ist aber nicht so. In der Familienarbeit werden – wie im Ehrenamt auch – Schlüsselqualifikationen erarbeitet, die für Unternehmen von großem Wert sind.
Einmal angenommen, es gebe einen Stundenlohn dafür, zu Hause zu putzen, zu kochen und einzukaufen. Hätte man am Ende des Monats wohl mehr Geld auf dem Konto als der klassische Erwerbstätige?
Für Putzen, Einkaufen und Wäsche könnten Hausfrauen 24 000 Euro im Jahr berechnen und für die Kindererziehung müssten laut den Ökonomen sogar 28 000 Euro jährlich gezahlt werden. Insgesamt wäre das ein Jahresgehalt von rund 60 000 Euro. Zum Vergleich: In etwa so viel (oder weniger) verdienen auch IT-Beraterinnen, Unternehmensberaterinnen, Personalreferentinnen oder Rechtsanwältinnen.
Was würde es für unsere Gesellschaft bedeuten, wenn die Forderung „Lohn für Hausarbeit“, die schon seit den 1970er-Jahren besteht, heute durchgesetzt würde?
Die Wertschätzung von Familienarbeit würde sich verändern und so vielleicht auch Männer motivieren, mehr Familienarbeit zu leisten. Altersarmut bei Frauen wäre kein Thema mehr, der Gender-Pay-Gap würde sich verändern, Frauen würden über mehr Geld verfügen, das sie in den Wirtschaftskreislauf einbringen könnten.
Selbst wer Care-Arbeit beruflich ausübt, etwa als Kindergärtnerin, wird oft schlechter bezahlt als in traditionell männlichen Berufen. Was muss sich hier ändern?
Gerade jetzt in der Corona-pandemie müssten wir alle, Politik und Gesellschaft, eigentlich gelernt und am eigenen Leib erfahren haben, wie wertvoll Care-Berufe in der Kranken- und Altenpflege, in der Kindererziehung und im Einzelhandel sind, in denen vorrangig Frauen arbeiten. Solange Gewinnmaximierung und nicht Sorgearbeit im Zentrum unserer Gesellschaft steht, wo sie meines Erachtens hingehört, da kein Mensch ohne „kostenfreie“ mütterliche Betreuung überleben kann, wird sich auch in der Bezahlung von Care-Berufen nichts ändern.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, um Care-Arbeit besser zu vergüten?
Da hilft nur ein gesellschaftliches Umdenken. Solange in dem immer noch herrschenden Patriarchat der Mann und das Kapital in der gesellschaftlichen Hierarchie über Frauen und Sorgearbeit stehen, kann sich nichts ändern. In unserer Gesellschaft wird das spürbar durch den Mangel an menschlicher Wärme und Zuneigung. Der Wert dessen muss erkannt und in das Tarifsystem eingebracht werden.
Was würde unsere Gesellschaft gewinnen, wenn die Care-Arbeit ein höheres Ansehen hätte?
Wir würden, so hoffe ich, mehr Zeit für Pflege, Sorge und Fürsorge verwenden, uns besser und gesünder fühlen. Unsere Kinder müssten nicht im Mangel an Zuwendung heranwachsen, wir hätten mehr Zeit für die Pflege von kranken und älteren Menschen zur Verfügung. Unsere Gesellschaft würde menschlicher und liebevoller. Alle Menschen hätten die Chance auf ein gutes Leben, so wie es die Feministinnen bereits in der ersten Frauenbewegung eingefordert haben: „Wenn wir zusammen gehen, kämpfen wir auch für den Mann, weil ohne Mutter kein Mensch auf die Erde kommen kann. Und wenn ein Leben mehr ist als nur Arbeit, Schweiß und Bauch, wollen wir mehr. Gebt uns das Brot, doch gebt die Rosen auch“ (die Zeilen stammen aus dem Lied „Brot und Rosen“ der ersten Frauenbewegung). (Emily Hartmann)

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