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Interview zu Erziehungsfragen: „Ohrfeige ist körperliche Gewalt“

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Von: Hannah Köllen

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Zum Internationalen Tag der gewaltfreien Erziehung: Heidi Bevern-Kümmel vom Werra-Meißner-Kreis klärt unter anderem auf, wo Gewalt beginnt und an wen sich überforderte Eltern wenden können.
Zum Internationalen Tag der gewaltfreien Erziehung: Heidi Bevern-Kümmel vom Werra-Meißner-Kreis klärt unter anderem auf, wo Gewalt beginnt und an wen sich überforderte Eltern wenden können. © dpa

Im Jahr 2021 wurden im Werra-Meißner-Kreis insgesamt neun Fälle von Gewalt in der Erziehung gemeldet. Die Opfer waren jünger als 13 Jahre.

Werra-Meißner – Dies geht aus der polizeilichen Kriminalstatistik für den Werra-Meißner-Kreis (WMK) hervor. In allen neun Fällen waren die Opfer unter 13 Jahre alt. Die Dunkelziffer sei schwer einzuschätzen, sagt Jörg Künstler, Pressesprecher der Polizeidirektion Werra-Meißner. Am Internationalen Tag der gewaltfreien Erziehung des Deutschen Kinderschutzbundes haben wir mit Heidi Bevern-Kümmel gesprochen. Sie ist Fachbereichsleiterin Jugend, Familie, Senioren und Soziales im Werra-Meißner-Kreis.

Zur Person

Heidi Bevern-Kümmel ist Fachbereichsleiterin für Jugend, Familie, Senioren und Soziales im Werra-Meißner-Kreis. Bereits seit über 20 Jahren übernimmt sie Führungsaufgaben im Kreis, unter anderem als stellvertretende Jugendamtsleiterin.

Ihre Ausbildung absolvierte Bevern-Kümmel bei der Agentur für Arbeit. Im Jahr 1988 wechselte sie zur Kreisverwaltung. Bevern-Kümmel wohnt in Eschwege. Sie hat drei Kinder und vier Enkelkinder.

Wo beginnt Gewalt in der Erziehung?

Körperliche Gewalt beginnt an dem Punkt, wenn ohne Notwendigkeit einem Kind körperliches Leid zugefügt wird. Hierzu gehört nicht, wenn man beispielsweise ein Kind von der Fahrbahn zieht, weil ein Auto herangerast kommt. Eine Ohrfeige jedoch gehört bereits zur körperlichen Gewalt. Bei seelischer oder psychischer Gewalt ist dies schwerer zu definieren. Anbrüllen oder Handlungen zur Erniedrigung gehören zu den Maßnahmen dieser Kategorie.

Welche Auswirkungen kann diese Gewalt bei den Betroffenen nach sich ziehen?

Die Auswirkungen können je nach Kind, Form der Gewalt und Dauer der Gewalteinwirkung sehr unterschiedlich sein. Ein sinkendes Selbstwertgefühl, Rückzug, Lustlosigkeit oder selbstverletzendes Verhalten sind manchmal zu beobachten. Manchmal ist jedoch auch ein steigendes Aggressionspotential des Kindes ein Anzeichen für Gewalt in der Erziehung.

Wie viele Fälle von Gewalt in der Erziehung gibt es statistisch gesehen?

Eine verlässliche Statistik gibt es auch vor dem Hintergrund der hohen Dunkelziffer nicht. Nicht jede Form der Gewalt wird dem Jugendamt bekannt und dort bearbeitet.

Seit wann haben Kinder und Jugendliche ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung?

Der Paragraph 1631 Absatz 2, der im November 2000 entsprechend geändert wurde, lautet: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“. Kinder haben einen Anspruch auf Schutz des Staates, wenn ihre Eltern ihnen nicht den Schutz und die Hilfe bieten, die sie benötigen, um gesund aufzuwachsen und sich zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit zu entwickeln.

Was hat sich seitdem im Kinder- und Jugendschutz getan?

Mit dem am 10.06.2021 in Kraft getretenen Kinder- und Jugendstärkungsgesetz wurden Neuregelungen zur Kooperation im Kinderschutz geschaffen. Grundvoraussetzung für ein Gelingen des Schutzauftrages ist eine gute Kooperation der verschiedenen Akteure, welche dem Kinderschutz verpflichtet sind.

Die Corona-Pandemie hat zwischenzeitliche Schulschließungen erfordert. Haben die neuen Lebensumstände zu zunehmender Gewalt in den Familien geführt?

Zunächst war in Zeiten der Corona-Pandemie eine Entschleunigung spürbar. Im Jugendamt führten die wegbrechenden Meldeketten durch geschlossene Kindertageseinrichtungen und Schulen zu deutlich weniger Meldungen von Kindeswohlgefährdung. Daraus kann man jedoch nicht schließen, dass für die Familien diese Zeit einfach war. Manche mussten in beengten räumlichen Verhältnissen die Zeit überstehen. Nachdem das gesellschaftliche Leben wieder aufgenommen wurde, kam es zu einer deutlichen Steigerung der Kindeswohlgefährdungsmeldungen. Meiner Einschätzung nach hat die Corona-Pandemie mit all ihren Belastungen nicht zur Entlastung der häuslichen Situation beigetragen.

An wen können sich überforderte Eltern wenden?

Es gibt zahlreiche Projekte, die darauf abzielen, Eltern in ihrer Erziehungsrolle zu stärken und einen Gewaltverzicht zu fördern. Hier gibt es zahlreiche Anlaufstellen im Werra-Meißner-Kreis. Zu nennen sind hier unter anderem die Erziehungsberatungsstelle des AKGG, der Allgemeine Soziale Dienst des Werra-Meißner-Kreises, die AWO-Beratungsstelle, der Verein Frauen für Frauen oder lokale Anlaufstellen wie das Familienbüro in Eschwege.

Was genau unternehmen Sie, wenn ein Fall von Gewalt in der Erziehung bekannt wird?

Zunächst besprechen wir im Allgemeinen Sozialen Dienst fachdienstintern die geschilderte Situation. In der Regel werden die Eltern und das Kind zu einem Gespräch eingeladen. Bei diesem werden dann mögliche Unterstützungsmaßnahmen gemeinsam besprochen. Je nach Fall können aber auch Schutzmaßnahmen zum Wohle des Kindes erforderlich sein.

Was sind Anzeichen dafür, dass sich in einer Familie Gewalt abspielt?

Körperliche Gewalt lässt für einen bestimmten Zeitraum sichtbare Spuren zurück, während psychische Gewalt eher durch das Verhalten des Kindes wahrnehmbar ist. Ein Anzeichen könnte sein, dass sich ein Kind sehr ängstlich oder kontrolliert in Gegenwart der betreffenden Personen verhält.

Was können Außenstehende - beispielsweise Nachbarn, Lehrer oder Bekannte - tun, wenn sie eine Gefahr für das Kind befürchten?

Man kann sich auch anonym an das Jugendamt wenden und die Situation besprechen. Fachkräfte von Kindertageseinrichtungen, der Jugendarbeit oder Schulen können sich, wenn sie ein ungutes Bauchgefühl haben, an eine erfahrene Fachkraft des Jugendamtes wenden, um den Fall zu beraten. Diese bespricht anonymisiert mit den Anrufenden den Fall und unterstützt diese bei der Bearbeitung. In akuten Fällen kann es natürlich auch sinnvoll sein die Polizei hinzuzuziehen.

Wen können betroffene Kinder um Hilfe bitten?

Kinder können Erwachsene in ihrem Lebensumfeld ansprechen, zu denen sie Vertrauen haben. Mit dem Bundeskinderschutzgesetz wurde die gesetzliche Grundlage geschaffen, dass auch Kinder und Jugendliche ohne Wissen der Eltern einen Beratungsanspruch haben. (Hannah Köllen)

Das sagt die Polizei

„Von Gewalt wird gesprochen, wenn nicht zufällig, sondern gezielt gehandelt wird“ sagt Jörg Künstler, Pressesprecher der Polizeidirektion Werra-Meißner. Neben den körperlichen (physischen) Verletzungen seien auch psychische Gewaltformen, unter anderem Mobbing oder Vernachlässigung, darunter zu verstehen. Fälle von Gewalt in der Erziehung würden nach Paragraph 225 des Strafgesetzbuches (StGB) als Misshandlung von Schutzbefohlenen statistisch erfasst. Das Strafmaß variiert zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Freiheitsstrafe.

Während im vergangenen Jahr neun solcher Fälle im Werra-Meißner-Kreis erfasst wurden, waren es im Jahr 2020 sogar 14 Fälle. Das ergeben Zahlen aus der polizeilichen Kriminalstatistik für den Werra-Meißner-Kreis.

Aussagen zu Dunkelziffern seien schwer zu tätigen. „Tatsache ist jedoch, je mehr sich etwas im privaten Umfeld ereignet, umso höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass dieses den Behörden oder Außenstehenden nicht bekannt oder erst sehr spät bekannt wird“, sagt Künstler. Umso wichtiger sei es, „dass Außenstehende, die von einem derartigen Vorfall Kenntnis erlangen, dieses auch zeitnah den Hilfeeinrichtungen oder Behörden mitteilen, damit entsprechende Überprüfungen und Maßnahmen eingeleitet werden können.“ hko

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