Ein Kaddisch für die Ururgroßmutter

Israelische Familie Süßkind besucht Nesselröden – von dort kommen ihre Vorfahren

Sprechen ein Kaddisch am Grab ihrer Ururgroßmutter auf dem jüdischen Friedhof Nesselröden: (von links) Dan und Gidon Süßkind und dessen Frau Nava.
+
Sprechen ein Kaddisch am Grab ihrer Ururgroßmutter auf dem jüdischen Friedhof Nesselröden: (von links) Dan und Gidon Süßkind und dessen Frau Nava.

Die in Israel lebende Familie Süßkind hat kürzlich die Gelegenheit genutzt, anlässlich der Verlegung weiterer Stolpersteine für die Shoa-Opfer (der nationalsozialistische Völkermord an den Juden Europas) ihrer Familie in Bebra und im badischen Eppingen nach Deutschland zu kommen. Dabei stattete sie auch Nesselröden, dem Geburtsort ihrer Großmutter Jenny Süßkind, geb. Wallach, einen Besuch ab.

Nesselröden - Zum Empfang der Gäste waren in Nesselröden die Stolpersteine vor dem Haus an der Holzhäuser Straße geputzt worden und mit Fotos der Familie Wallach, die hier einst lebte, geschmückt worden. Pfarrerin Marita Fehr hatte die Gäste aus Israel willkommen geheißen und dabei den Bogen von der Baum-Pflanz-Aktion am „Tag der Deutschen Einheit“ am künftigen Werra-Grenz-Park geschlagen, bei der auch das Lied „Hevenu schalom alechem“ (Wir wünschen uns Frieden) gesungen worden war.

Nesselröden ist für die Familie Süßkind ein besonderer Ort, denn von dort stammt ein Teil ihrer Vorfahren. Von dem einst regen jüdischen Leben in dem Ort zeugen nur noch die Gräber auf dem jüdischen Friedhof sowie die Häuser, die einst in jüdischen Besitz waren. Jüdische Einwohner gibt es seit acht Jahrzehnten nicht mehr in Herleshausen.

Pfarrerin begrüßt israelische Familie

Deshalb dankte Pfarrerin Fehr dafür, dass die Familie Süßkind gekommen war, um auf Spurensuche nach ihren Vorfahren zu gehen. Weder Schmerz oder Angst habe die Familie davon abgehalten, in die Heimat ihrer Vorfahren zu kommen. Marita Fehr schloss mit den Worten „Schalom in Nesselröden!“

Die Familie Süßkind besuchte auch den jüdischen Friedhof in Nesselröden. Dort befindet sich das Grab der Ururgroßmutter von Dan und Gidon Süßkind, der 1828 geborenen und 1915 gestorbenen Amalia Weisskopf. Die Inschrift auf ihrem Grab lautet: „In treuer Liebe für alle zu sorgen, machte deines Lebensinhalt aus. Nun ruh in Gott, kommt der Erlösung Morgen, finden wir uns wieder im Vaterhaus.“ Hier werde auch der Unterschied zwischen dem jüdischen und christlichen Glauben deutlich, so der Heimatforscher Helmut Schmidt aus Herleshausen. Die Christen glauben an die Auferstehung durch den Tod, die Juden werden auferstehen, wenn der Prophet sie ruft – das kann heute sein oder in tausend Jahren. Daher gilt für jüdische Friedhöfe das ewige Ruherecht. Aus dem gleichen Grund sei es jüdischen Gläubigen wichtig, das Kaddisch als eines der wichtigsten Gebete des Judentums am Grab der Ahnen zu sprechen. Obwohl auch die Gräber ihrer Wallach-Urgroßeltern auf dem Judenfriedhof in Nesselröden zu finden sind, wählte die Familie Süßkinds für ihr Gebet das Grab der Großmutter ihrer Großmutter, Amalie Weisskopf, die in Nessselröden ihren Lebensabend verbrachte. Die Gräber einiger Vorfahren der Familie Süßkind konnten bereits identifiziert werden. Die Ururgroßeltern von Dan & Gidon, Isaak und Heva (Helene) Wallach, geb. Wolf, liegen weit auseinander, was wohl daran liegt, dass Heva fast 25 Jahre vor Isaak gestorben ist.

Familie will bei Übersetzung der Grabinschriften helfen

Beim Gang über den jüdischen Friedhof in Nesselröden fielen den Gästen viele Grabsteine auf, die nur in Hebräisch beschriftet sind. Dan, Gidon und Nava Süßkind wollen nun dabei helfen, anhand von Fotos die Inschriften zu übersetzen und so die Namen der ehemaligen jüdischen Einwohner wieder in Erinnerung zu rufen. „Dabei handelt es sich um zirka 65 Grabsteine, die Zeugnis von einer durchaus großen jüdischen Gemeinde in Nesselröden geben“, so der Helmut Schmidt. (Stefanie Salzmann)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.