Stolpersteine in der Forstgasse 17 in Eschwege

Verfolgt, verjagt, ermordet: Jeder Stolperstein erzählt die Geschichte eines Menschen

Alfred Rawitschers Kennkarte: Gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern wurde er in Riga ermordet.
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Alfred Rawitschers Kennkarte: Gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern wurde er in Riga ermordet.

Stolpersteine erinnern uns im Werra-Meißner-Kreis vielerorts an Opfer des Nationalsozialismus. Heute blicken wir hinter die Geschichten zweier Familien, die in der Eschweger Forstgasse lebten.

Eschwege – Felix Römer kniet auf den Pflastersteinen in der Eschweger Forstgasse und poliert einen Stolperstein nach dem anderen glänzend. Einfach so. Passanten kommen vorbei, honorieren den Einsatz mit einem stummen Nicken, manche bleiben für ein kurzes Gespräch stehen. „Heute war es mir ein Bedürfnis, ein paar von ihnen zu putzen. Um an die Menschen zu erinnern“, sagt Römer am Jahrestag der Novemberpogrome. Er hofft auf Nachahmer.

Gegen das Vergessen Stolpersteine putzen. Das dachte sich der Lyriker Felix Römer, als er im Werra-Meißner-Kreis zu Gast war. Er will Nachahmer inspirieren. Hier ist er in der Forstgasse 17 in Eschwege.

Der Dichter, der im Rahmen eines Stipendiums vorübergehend im Werra-Meißner-Kreis lebt und arbeitet, bearbeitet mit kreisenden Bewegungen und Messingpolitur die Stolpersteine. Sechs sind es an der Zahl. Auf ihnen stehen die Namen, Geburts- und Todesjahre jüdischer Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Die Steine erinnern an ihre Geschichte: „Hier wohnte Friedrich Katzenstein, Jahrgang 1888. Gedemütigt/entrechtet, Flucht in den Tod am 30. Mai 1942.“ Stichpunkte. Schlichte Worte, jedoch mit einer eindringlicher Wirkung.

Friedrich Katzenstein lebte in der Forstgasse 17, bevor er sich wegen den Nazis das Leben nahm.

Denn hier, in der Forstgasse 17, lebte der Bankprokurist Friedrich Katzenstein einst gemeinsam mit seiner gleichaltrigen Ehefrau Margarethe Katzenstein (geborene Loose), ein weiterer Name auf einem weiteren messingfarbenen Pflasterstein. Eine Junihochzeit feierte das Paar 1927 in Berlin, der Heimatstadt von Margarethe. Die damals 30-jährige Halbjüdin bekannte sich mit der Heirat ganz zu ihrem Glauben. In Eschwege, dem Geburtsort ihres Mannes, wurde das Paar schließlich in der Forstgasse sesshaft, lebte einige Jahre dort.

Friedrich Katzenstein nahm sich das Leben, Margarethe Katzenstein wurde ermordet

Ab 1933 wurden Juden mit den Jahren immer mehr diskriminiert: Nicht-Juden sollten zum Beispiel nicht bei Juden einkaufen, Menschen jüdischen Glaubens durften ihren Beruf nicht mehr ausüben und kein öffentliches Amt innehaben, Eigentum wurde ihnen weggenommen.

So war es dann auch bei Ehepaar Katzenstein: Von einem SA-Mann unter Druck gesetzt, verkaufte das Paar sein Haus. Aus Angst, wie aus dem Gedenkbuch „Namen und Schicksale der jüdischen Opfer des NS aus Eschwege“ von Karl Kollmann, York-Egbert König zu entnehmen ist.

Sie mussten im Januar 1942 aus ihrem Zuhause in das sogenannte „Judenhaus“ in die Schulstraße 3 in Eschwege ziehen. Dort nahm sich Friedrich Katzenstein fünf Monate später das Leben mit Schlafmitteln. Seine Frau Margarethe hinterließ er. Im Juli 1942 wurde Margarethe erneut umquartiert, in das „Judenhaus“ am Alten Steinweg 20a. Kurz darauf haben Nazis sie deportiert. Auf ihrem Stolperstein steht: „Margarete Katzenstein, Jahrgang 1888, deportiert 1942, ermordet in Theresienstadt.“

Margarethe Katzenstein wurde in Berlin geboren und heiratete nach Eschwege ein.

Familie Rawitscher wurde mit zwei kleinen Kindern nach Riga deportiert

Ähnlich wie den Katzensteins ging es auch Familie Rawitscher, die kurzzeitig ebenfalls in der Forstgasse 17 in Eschwege lebten. Vier messingfarbene Stolpersteine erinnern dort heute an Alfred und Erna Rawitscher sowie ihre beiden in Eschwege geborenen Kinder Rolf und Ilse.

Alfred Rawitscher wurde am 29. Mai 1904 als Sohn des Kaufmanns Josef Rawitscher in Eschwege geboren. Wie viele Schüler heute noch besuchte auch er damals die Friedrich-Wilhelm-Schule. Nach seinem Abschluss lebte er zuerst in Frankfurt, kehrte 1929 mit fast 25 Jahren dann aber zurück in seine Geburtsstadt Eschwege und in sein Elternhaus in der Friedrich-Wilhelm-Straße 6.

Die Stolpersteine in der Forstgasse 17 in Eschwege: Der letzte Wohnort der Familie Rawitscher und des Ehepaars Katzenstein.

Er lernte seine zukünftige Frau Erna (geborene Levi) kennen, das Paar heiratete schließlich am 26. August 1934 in Ernas Geburtsstadt Göttingen, das Paar zog in die Nachbarschaft der Eltern in die Hausnummer 4. Schon ein Jahr später kam am 20. Juni 1936 ihr erster Sohn Rolf auf die Welt, zwei Jahre darauf am 2. Juli 1937 folgte ihre Tochter Ilse.

Das Glück hielt aber nicht lange an. Ab Mitte 1938 musste die junge Familie drei Jahre lang immer wieder zwangsumziehen. Erst in die Schildgasse 8, kurz darauf in die Bismarckstraße 1. Als Sohn Rolf gerade vier und Tochter Ilse zwei Jahre alt waren, musste die Familie in ein Haus an den Anlagen ziehen, bis sie am 2. April 1940 in der Forstgasse 17 in Eschwege landeten – ihre letzte Station in Eschwege, im Haus von Ehepaar Katzenstein, das zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch dort lebte.

Am 8. Dezember 1941 haben Nazis Alfred und Erna Rawitscher zusammen mit ihren beiden Kindern Rolf und Ilse nach Riga deportiert, wo sie später ermordet wurden. Die Kinder Rolf und Ilse Rawitscher waren sechs und vier Jahre alt.

Die sechs Stolpersteine in der Forstgasse 17 erinnern an diese beiden Familien. Gegen das Vergessen. (Von Jessica Sippel)

Stolpersteine

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, heißt es in dem Talmund, einem bedeutenden jüdischen Werk. Daran lehnt sich der Künstler Gunter Demnig an, der mit seinem Langzeitprojekt Stolpersteine an die Opfer der NS-Zeit erinnert, indem er vor ihrem letzten Wohnort Gedenktafeln verlegt. Inzwischen liegen Stolpersteine in 1265 Kommunen Deutschlands und in 21 Ländern in Europa. Im Werra-Meißner-Kreis gibt es neben Eschwege noch in vielen weiteren Kommunen Stolpersteine, wie Waldkappel und Herleshausen. jes

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