Goodbye Zucker!

Ketogene Ernährung ist Diät-Trend – für jeden ist sie nicht geeignet

Mehr grünes Gemüse: Neben Brokkoli, Lauch und Salat stehen auch Fisch, Fleisch, Nüsse und Samen auf dem Keto-Speiseplan.
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Mehr grünes Gemüse: Neben Brokkoli, Lauch und Salat stehen auch Fisch, Fleisch, Nüsse und Samen auf dem Keto-Speiseplan.

Ketogene Ernährung ist ein Diät-Trend, der beim Abnehmen und fit werden hilft. Gerade zum Jahresbeginn haben Menschen solch guten Vorsätze. Über die Vor- und Nachteile dieser Ernährungsform sprachen wir mit der Eschweger Ernährungsberaterin Tina Hildebrandt und Jörg Kircher, zertifizierter Berater für ketogene Ernährung.

Was ist Keto?

Die ketogene Ernährung definiert sich durch eine kohlenhydratarme, dafür aber fetthaltige Kost, die eine Umstellung des Energiestoffwechsels im Körper zur Folge hat. Kurz gesagt sind in der ketogenen Diät maximal vier Prozent Kohlenhydrate (Getreide, Zucker, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Brot) erlaubt.

Wer sich ketogen ernähren will, sollte zirka acht Prozent Eiweiß und rund 90 Prozent Fett zu sich nehmen. Verzichtet man dauerhaft auf den Energielieferant Zucker, beginnt die Leber Fette in Ketonkörper aufzuspalten. Diese werden wiederum als „neue“ Energiequelle weitergeleitet. Diesen Stoffwechselzustand nennen Fachleute Ketose. „Die ketogene Ernährung stammt eigentlich aus der Medizin und wird teilweise bei Krankheiten wie Epilepsie, manchen Krebserkrankungen oder Hirnstoffwechselerkrankungen eingesetzt“, weiß die Eschweger Ernährungsexpertin Tina Hildebrandt.

Gewichtsreduzierung

Jörg Kircher bezeichnet die ketogene Ernährung als „artgerechte Ernährung des Menschen“, die evolutionsbiologisch auf die Ernährung des Menschen als Jäger und Sammler zurückgeht. „Diätetisch führt die ketogene Ernährung zu einer Gewichtsreduktion, ohne dass ein extremes Kaloriendefizit eingehalten werden muss. Auch bleibt ein ständiges Hungergefühl während der Diät aus“, so Kircher. „Während der Stoffwechselumstellung produziert der Körper viele Stresshormone, die sich anfühlen können, als sei man krank. Gemeinhin sind diese Symptome auch als Keto-Grippe bekannt“, so Tina Hildebrandt. „Die Ernährungsform ist nicht sehr abwechslungsreich“, räumt die Expertin ein. „Sicherlich können kurzfristige Erfolge bei der Gewichtsreduzierung erzielt werden, aber die Entbehrungen sind recht hoch.“

Nachteile bei der Alltagspraktibilität

Nachteile gebe es in der Alltagspraktikabilität etwa, wenn es um Restaurantbesuche oder spontanes Essen geht. Zudem schränke der Mensch sich nicht gerne dauerhaft ein, weshalb die Langfristigkeit auch fragwürdig ist. Das sieht Jörg Kircher pragmatischer: „Im Restaurant bestellen wir Gerichte ohne Beilagen wie Pommes oder Kroketten. Beim Italiener essen wir Salat mit Öldressing und Antipasti, beim Griechen nur Fleisch mit Salat.“

Gute Kenntnisse über Lebensmittel sind nötig

An sich verteufelt Tina Hildebrandt die ketogene Ernährung nicht, mahnt aber, dass diese gute Kenntnisse über Inhaltsstoffe und mögliche Mangelerscheinungen voraussetzt. Außerdem fehlten Langzeiterfahrungen darüber, wie sich die fetthaltige Ernährung auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt.

Sie habe die Erfahrung gemacht, dass diese Ernährung für eine gewisse Klientel gut geeignet sei, darunter Menschen, die sich intensiv mit der Optimierung ihres Körpers beschäftigen. „Für stark übergewichtige Menschen eignet sich diese Diät nicht.“ Auch das Risiko des Jo-Jo-Effekts sei hoch, dieser könne einsetzen, sobald man wieder in normale Verhaltensmuster zurückfällt.

Ketogenen Speiseplan von Experten checken lassen

Und unbedingt rät sie dazu, sich medizinisch gut betreuen zu lassen und bei einer Ernährungsberatung den Speiseplan durchchecken zu lassen. Einen durchaus positiven Aspekt sieht Tina Hildebrandt in der Identifikation „schädlicher“ Lebensmittel. „Viele machen die Erfahrung, dass sie stark Zuckerhaltiges nicht wirklich benötigen“, dadurch könne ein bewusster Umgang mit Kohlenhydraten erreicht werden.

Selbsttest Ketodiät - Kretaivität ist gefragt

Quasi über Nacht habe ich mich für die ketogene Ernährungsumstellung entschieden. Mein Ziel: ein paar Kiloweniger auf der Waage und das gute Gefühl, die eigenen Grenzen auszutesten.

Guter Start

Ich beginne am Samstag, 5. Dezember, mitten in der Vorweihnachtszeit und finde den Zeitpunkt perfekt gewählt, um süßen Versuchungen zu widerstehen. Die ersten Tage muss ich umdenken und Lebensmittel, die ich gerne und täglich esse, und zum Beispiel Haferflocken, Äpfel, Bananen, Brot und Kartoffeln von meinem Speiseplan verbannen.

Der Gang durch den Supermarkt erfolgt mit einem neuen Blick auf Lebensmittel und Zusammensetzungen, der Fokus liegt auf dem Kohlendydratgehalt, alles unter fünf Gramm pro 100 Gramm ist für mich als Einsteigerin erlaubt. Vorwiegend Fleisch, Wurst, Eier, Mandelmilch und Nüsse landen im Wagen, viele andere Produkte fallen gänzlich weg.

Abnehmen ist auch Kopfsache

Und weil Abnehmen auch eine Kopfsache ist und ich sehr motiviert bin, sind die ersten Tage überraschend einfach. Auch der Familienspeiseplan leidet nicht unter meinem Sonderweg, viele Gerichte können gemeinsam eingenommen werden.

Auf der Waage sind nach kurzer Zeit bereits Erfolge sichtbar. Aber nach drei bis vier Tagen ist von dem guten Körpergefühl wenig übrig, ich fühle mich müde, matt, kraftlos. Dies muss also die „Keto-Grippe“ sein. Meine Freundin, mit der ich mich viel über die Ernährung austausche, macht mir Mut: „Danach fühlst du dich viel besser.“ Und sie hat recht – nach zwei schlappen Tagen geht es mir richtig gut.

Die Mischung aus energiereichem Essen und Sport tut mir gut und ich habe überhaupt keinen Heißhunger auf Süßes. Allerdings, so stelle ich fest, esse ich im Grunde jeden Tag dasselbe. Durch Zeitmangel habe ich kaum Gelegenheit, mir aufwendige Gerichte zu kochen. Auch der Genuss eines Gläschens Wein wird zum Aha-Erlebnis; Alkohol habe ich offenbar nicht mehr so viel entgegenzusetzen. Aber ich mache weiter: Es ist kurz vor Heiligabend.

Cheat-Days

Und an diesem Tag und am 1. Weihnachtstag gönne ich mir eine Keto-Pause, auf alles Gute will ich ja nicht verzichten. Aber nach diesen „Cheat-Days“ merke ich, dass es mir schwerfällt, wieder in die Spur zu kommen, mein Durchhaltevermögen bröckelt. Zwar bemühe ich mich, die Hauptmahlzeiten kohlenhydratarm zu gestalten, doch landen nun doch Süßigkeiten im Bauch.

Gerade in einer Zeit, in der es ohnehin zu viel zu essen und keine richtige Alltagsstruktur gibt, lässt mich die Disziplin im Stich.

Fazit: Nicht aufgeben

Jetzt ist Anfang des Jahres und ich bin froh, dass der Alltag zurückkehrt. Der hilft, den Weg zurück zum ketogenen Speiseplan zu finden. Ich weiß, dass ich eigentlich damit zurechtkomme und mich gut fühle. Nur, und das ist meine eigene Schuld, bin ich recht unbedarft und mit wenig Vorwissen gestartet. Das ist nicht ratsam, da man seinem Körper sehr viel abverlangt. Auch was den eintönigen Speiseplan betrifft, kommt es auf die eigene Kreativität an. Es gibt durchaus schmackhafte Gerichte, die schnell gezaubert werden können.

Am Ende kommt es wohl auf die Mischung an: Disziplin und Herausforderung auf der einen, Lebensqualität, Genuss und Wohlfühlen auf der anderen Seite.

Von Maren Schimkowiak

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