Kleine Betriebe sind robuster

Wegen der Coronakrise gibt es knapp 13 Millionen Euro Soforthilfe vom Land

Vom Markt in Witzenhausen blickt man über die Brückenstraße in Richtung Werraufer. Die Innenstadt war während des Corona-Lockdowns menschenleer.
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Viele Geschäfte musste im März und April wegen Corona geschlossen bleiben, deswegen war auch die Innenstadt von Witzenhausen menschenleer.

Kleine Unternehmen konnten beim Land finanzielle Unterstützung wegen der Coronakrise beantragen. Im Werra-Meißner-Kreis wurden im Vergleich mit anderen Landkreisen weniger Anträge gestellt.

Wegen der Coronakrise hatte das Land Hessen betroffenen Selbstständigen, Gewerbetreibenden, Freiberuflern sowie Unternehmen mit maximal 50 Beschäftigten die Möglichkeit gewährt, unbürokratisch und schnell Hilfe zu beantragen – Geld, das nicht zurückgezahlt werden muss.

Einer jetzt veröffentlichten Bilanz des Regierungspräsidiums Kassel zufolge sind von Unternehmern aus dem Werra-Meißner-Kreis 1720 Anträge eingegangen. Das sind mit Abstand am wenigsten im Vergleich zur Anzahl der aus den anderen nordhessischen Landkreisen. Die Spanne reicht von 2349 aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg bis zu 4287 aus dem Landkreis Kassel. Entsprechend wurden auch nur 12,88 Millionen Euro für heimische Betriebe bewilligt, während allein nach Hersfeld-Rotenburg 18,54 Millionen überwiesen wurden, in den Schwalm-Eder-Kreis 19,35 Millionen. Sind die Betriebe im Werra-Meißner-Kreis also robuster in einer solchen Krise?

Insgesamt sprächen weniger Anträge auch für eine Robustheit der regionalen Wirtschaft in der Krise und eine solide Unternehmensplanung, bejaht Dr. Michael Ludwig, Leiter des IHK-Servicezentrums Werra-Meißner. In allen bisherigen Krisen habe sich der heterogene Branchenmix im Werra-Meißner-Kreis „als Stabilitätsfaktor erwiesen“.

Lars Kleeberg, Wirtschaftsförderung

Im Vergleich zur Gesamtzahl der Betriebe (3984) haben 43,2 Prozent der Betriebe im Werra-Meißner-Kreis einen Zuschuss beantragt, rechnet Lars Kleeberg, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Werra-Meißner, vor. Die Zahlen, sagt er, seien in den Landkreisen Waldeck-Frankenberg (44,5 %) und Schwalm-Eder (40,4 %) nahezu identisch. Der Durchschnitt über aller nordhessicher Landkreise plus Stadt Kassel liegt bei 46 Prozent.

Sehr viele Betriebe im Werra-Meißner-Kreis seien im Dienstleistungsbereich angesiedelt, zum Beispiel dem Gesundheits- und Pflegebereich, im Bereich Handwerk und im Öffentlichen Dienst. In diesem Bereich arbeitet fast die Hälfte der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Diese Betriebe, so Kleeberg, seien nicht auf die Soforthilfe angewiesen gewesen.

Für Betriebe mit maximal 50 Beschäftigten

Seit dem Start des hessischen Soforthilfe-Programms wurden 134 500 Anträge beim für die Bewilligung zuständigen Regierungspräsidium Kassel eingereicht. Die Höhe der Soforthilfe für drei Monate richtete sich nach der Zahl der Beschäftigten und war gestaffelt: 10 000 Euro bei bis zu 5 Mitarbeitern, 20 000 Euro bei bis zu 10 und 30 000 Euro bei maximal 50. Von Betrieben aus dem Werra-Meißner-Kreis gingen 1720 Anträge ein, bewilligt wurden 12,88 Millionen Euro an Zuschüssen.

Nicht viele Gastronomen und Landwirte haben Soforthilfe beantragt

Hauptnutzer der Soforthilfe seien im Werra-Meißner-Kreis vor allem die Gastronomen, Veranstaltungs- und Reisebranche, Einzelhandel und viele Solo-Selbstständige und weitere Dienstleistungsbetriebe wie Friseursalons gewesen, die von den angeordneten Schließungen wegen Corona betroffen waren, sagt Dr. Lars Kleeberg von der Wirtschaftsförderung Werra-Meißner.

Sollten aber nicht so viele Gastronomen im Landkreis einen Antrag auf Soforthilfe gestellt haben, dann könnte es daran liegen, dass in den zurückliegenden Jahren mangels Masse nicht viel investiert worden und entsprechend keine Kredite abzuzahlen sind, vermutet Christian Pelikan, der Kreisvorsitzende des Wirteverbandes Dehoga. Sollte dem so sein, hielte er es für eine „erschreckende Meldung“. Denn, so seine Befürchtung: Ohne Investitionen sei das Gasthaussterben im ländlichen Raum programmiert. Seinen Informationen zufolge werden einige Betriebe schließen; zwei könnten wegen der Corona-Krise definitiv auch nicht mehr öffnen. Als Problem sieht Pelikan neben dem Investitionsstau den Mangel an Nachfolgern bei den Gastronomen an, die sich über kurz oder lang zur Ruhe setzen wollten.

Als Folge der Corona-Krise hat er mit Bedauern bei vielen Kollegen festgestellt, dass diese neuerdings ihr ganzwöchiges Geschäft auf das Öffnen zum Wochenende hin eingeschränkt hätten.

Das Reduzieren der Mehrwertsteuer auf Speisen von 19 auf 7 Prozent durch den Bund sieht Pelikan zudem nicht als Allheilmittel an, um zu einem ordentlichen Lohn- und Preisgefüge zu kommen.

Als Hauptgrund dafür, dass nicht so viele Landwirte Soforthilfe beantragt haben, nennt Geschäftsführer Uwe Roth vom Kreisbauernverband die Betriebsstruktur. Klassische Höfe hätten wenig Probleme mit Corona und den Einschränkungen. Schwierigkeiten hätte es hingegen für Betriebstypen wie Pensionspferdehalter mit Reitunterricht, Sonderkulturbetriebe mit ausländischen Hilfskräfte und Ferien auf dem Bauernhof gegeben. Davon gebe es jedoch im Werra-Meißner-Kreis nur wenige. Und die Direktvermarkter hätten in der Regel noch eher Umsatzsteigerungen zu verbuchen. Roth: „Das ebbt jetzt erst wieder ab.“

Noch einen Aspekt spricht Dr. Michael Ludwig von der IHK-Servicestelle Werra-Meißner an. Die Quote der bewilligten Auszahlung liege im Werra-Meißner-Kreis – gut 23,5 Millionen Euro wurden beantragt, knapp 12,9 Millionen bewilligt – mit 55 Prozent deutlich über der aller anderen nordhessischen Landkreise. Ludwig: „Daraus kann man eine gute Qualität der gestellten Anträge ableiten“.

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