Klage gegen Studenten

Lebensmittel für Tafeln stammen nicht aus dem Müll

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Brötchen, Würste, Salat: Das und noch viel mehr wird bei der Tafel in Witzenhausen von Christel Bertermann (von links), Ulla Noack, Renate Grimm und weiteren ehrenamtlichen Helfern ausgegeben. Täglich holt die Tafel Ware bei Supermärkten ab, die in Kisten oder Kartons wie denen auf dem Bild bereitgestellt werden, erklärt Renate Grimm.

Werra-Meißner. Etwa 770 Menschen im Werra-Meißner-Kreis werden jede Woche mit Lebensmitteln versorgt, die die Tafeln in Witzenhausen und Eschwege ausgeben.

Einen großen Teil davon spenden Unternehmen. In Witzenhausen sind derzeit drei Studenten angeklagt, solche Lebensmittel vom Gelände des Tegut-Marktes gestohlen zu haben.

Woher genau diese Lebensmittel stammen, ist derzeit unklar, denn die Studenten schweigen bisher. In Witzenhausen formiert sich derweil Unmut gegenüber Tegut. Den Tafeln im Kreis ist aber vor allem eines wichtig: Lebensmittel, die sie bekommen, stammen nicht aus Müllcontainern.

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Sowohl Renate Grimm, Vorsitzende der Witzenhäuser Tafel, als auch Margot Furchert von der Eschweger Tafel betonen, dass Spenden, die sie bekommen, in Plastikkisten oder Kartons für sie an abgesprochenen Stellen bereitgestellt werden. Die Zusammenarbeit mit den Supermärkten beschreiben sie bis auf wenige Ausnahmen als sehr gut. Mit Tegut habe sie „beste Erfahrungen“ gemacht, sagt Renate Grimm.

Sie berichtet, dass die Polizei sie im vergangenen Jahr informiert habe, dass Lebensmittel beschlagnahmt wurden, die für die Tafel bestimmt seien. Diese habe sie dann auch erhalten. „Ich weiß noch, dass Brot dabei war“, sagt Grimm. Das erhalte die Tafel regelmäßig auch von Tegut. Dass die Lebensmittel dorther stammen sollen, habe sie aber erst jetzt erfahren. An der Ware selbst sei das nicht erkennbar gewesen, sagt Grimm.

Mehrmals wöchentlich erhalten die Tafeln außer Brot auch Gebäck, Obst, Wurst, Gemüse, Joghurt und andere Waren kurz vor Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums. Diese werden auch nach Ablauf ausgegeben, wenn Kontrollen bestätigen, dass sie noch gut sind, erklärt Grimm. Abgelaufene Produkte erhalte die Witzenhäuser Tafel nicht. „Die Supermärkte haben Vorschriften, was in Umlauf geraten darf und was nicht“, vermutet sie.

Was die Tafel annehmen darf, werde vom Bundesverband und den geltenden Hygienevorschriften vorgegeben, sagt Renate Grimm. „Wir nehmen an, was gut und haltbar ist.“ Dabei seien immer auch tolle Sachen wie hochwertige Pralinen, die noch mehrere Monate haltbar sind.

In Eschwege spenden die Lebensmittelmärkte auch abgelaufene Lebensmittel. Die Tafel entscheidet, welche sie mitnimmt. Alle Lebensmittelrollis würden in den Hallen der Supermärkte gelagert, sodass kein Eindringen von außen möglich ist, sagt Margot Furchert. Sie findet es schade, dass sich der „Zorn nun gegen Tegut richtet“. Es seien EU-Vorschriften, die es erschweren, an Lebensmittelspenden zu kommen. Das treffe auch die Tafeln, die das weitergeben, was sonst weggeworfen worden wäre.

Lebensmittel müssen sicher sein

Wer Essen in Verkehr bringt, haftet – Wer Abfälle nimmt, ist selbst verantwortlich

Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Deutschland jedes Jahr im Müll. Um diese Zahl zu senken, empfiehlt es die Weitergabe von Lebensmitteln an wohltätige Einrichtungen wie die Tafeln. Diese müssen jedoch qualitativ einwandfrei sein. Lebensmittel sollten so abgegeben werden, wie sie gehandelt werden, erklärt der Sprecher des Bundesverbands des deutschen Lebensmittelhandels, Christian Böttcher.

„Lebensmittel müssen sicher sein und niemanden krank machen“, dafür habe laut EU-Recht jeder Unternehmer zu sorgen. Diese Grundvoraussetzung gelte auch für Spenden. Deshalb würden die meisten Händler keine Waren abgeben, deren Mindesthaltbarkeit abgelaufen ist. Sowohl lose als auch verpackte Ware darf gespendet werden, solange sie „verkehrsfähig und noch genießbar“ ist. „Wenn ein Lebensmittelhändler etwas wegwirft, macht er das, weil es nicht mehr genießbar ist“, sagt Böttcher.

Aus Liebe zur eigenen Gesundheit sollte deshalb seiner Ansicht nach auch verpackte Waren nicht aus Containern geholt werden. Eine Verpflichtung, diese Container zu sichern, also mit Schlössern abzuschließen, damit niemand die enthaltende Ware mitnimmt, gibt es laut Böttcher nicht. Solange Abfalltonnen frei zugänglich sind, erfolge der Verzehr der darin enthaltenden Lebensmittel auf eigene Gefahr.

Der Händler könne in diesem Fall nicht zur Verantwortung gezogen werden. Da auch die Tafel Lebensmittel mit der Ausgabe in Verkehr bringt, trage auch sie Verantwortung dafür, dass Lebensmittel sicher sind.

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