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Long Covid: „Da rollt eine echte Welle auf uns zu“

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Von: Sebastian Schaffner

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Kennt sich nicht nur mit Herzerkrankungen aus: Dr. Klaus Edel, Chefarzt der Klinik für Kardiologie-Rehabilitation und
Kennt sich nicht nur mit Herzerkrankungen aus: Dr. Klaus Edel, Chefarzt der Klinik für Kardiologie-Rehabilitation und © Sebastian Schaffner

Erschöpfung, eingeschränkte Belastbarkeit, Konzentrationsprobleme: Wer mehr als vier Wochen nach einer Corona-Infektion immer noch Beschwerden hat, leidet unter Long-Covid. Dr. Klaus Edel bietet im HerzKreislauf-Zentrum in Rotenburg eine Long-Covid-Sprechstunde an – eine von nur drei in ganz Hessen. Im Interview spricht er über Symptome, Treppensteigen und überforderte Hausärzte.

Herr Dr. Edel, was sind die häufigsten Beschwerden Ihrer Patienten?

Zu Beginn der Pandemie stand die Luftnot im Vordergrund. Die Beschwerden, mit denen sich die Patienten jetzt

an uns wenden, sind andere:

vor allem die Müdigkeit,

auch Fatigue genannt, Gelenkbeschwerden und Kopfschmerzen.

Wie viele Symptome für Corona-Langzeitfolgen sind bekannt?

Es gibt genau 62 Symptome.

Gibt es bestimmte Gruppen, die besonders oft betroffen sind?

Dazu gibt es gute Daten aus

England. Die Kollegen dort

haben untersucht, wer häufiger Long-Covid hat: Menschen, die stationär in der Klinik versorgt worden sind

oder diejenigen, die ambulant beim Hausarzt waren.

Das Ergebnis: Es gibt keinen

Unterschied. Patienten, die

einen milden Verlauf hatten,

können also genauso Long-Covid bekommen wie Patienten, die auf der Intensivstation beatmet worden sind.

Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

Ja, und zwar einen deutlichen. Nach allem, auch was

ich durch die Sprechstunde

weiß, sind unter 100 Long-Covid-Patienten 90 Frauen und

zehn Männer.

Welchen Schutz bietet die Impfung?

Wer geimpft ist, entwickelt

auch seltener Long-Covid.

Aber es gibt keinen hundertprozentigen Schutz. Grundsätzlich gilt, und das belegen

auch Daten aus Israel, die aus

meiner Sicht die verlässlichsten sind, dass die vulnerablen

Gruppen im Alter von 60 Jahren und älter eine vierte Impfung bekommen sollten, weil

sie sehr wahrscheinlich davon profitieren werden, wenn wir über schwere Verläufe reden.

Sollten sich auch jüngere Menschen noch einmal piksen lassen?

Momentan ist nicht wissenschaftlich belegt, dass Jüngere einen wesentlichen Vorteil

davon haben, wenn sie sich

für eine vierte Impfung entscheiden.

Zurück zu Long-Covid: Gibt es Möglichkeiten, sich vorsorglich vor Langzeitfolgen zu schützen? Oder ist das dann einfach Pech?

Wer ordentlich Vitamine zu

sich nimmt, auf eine herzgesunde Ernährung achtet,

zum Beispiel mediterrane

Kost, und sich ausreichend

bewegt, stärkt seine indireke Immunabwehr. Das Thema gesunde Ernährung ist ein ganz wichtiges Thema, das in Deutschland leider weit in den Hintergrund getreten ist. Ganz wichtig ist auch Bewegung.

Warum?

Aus Untersuchungen wissen

wir, dass Omikron die Zellen

nicht so infiziert, dass die

sich nicht wehren können.

Bei Omikron hat man also die

Chance, die Abwehrfunktion

der einzelnen Zellen so zu

boostern, dass der Körper eigene Abwehrkräfte bilden

kann. Das gab es vorher bei

Delta und anderen Virusvarianten nicht. Und das gelingt

vor allem durch regelmäßige

Bewegung.     In Kombination

mit gesunder Ernährung

sorgt sie für einen Extraschutz zusätzlich zur Impfung. Ich empfehle, zwei bis

drei Minuten so schnell zu

laufen, wie es geht. Berg

hoch, Berg runter, völlig egal.

Und das täglich.

Was ist die Idee dahinter?

Dahinter steckt die Idee, in ganz kurzer Zeit möglichst viele Zellen und Muskeln im

Körper anzusprechen. Vondiesem Basisplan ausgehend

versuchen wir auch bei LongCovid, unsere Patienten langsam wieder aufzutrainieren. Falsch wäre es, nach der Erkrankung direkt wieder mit

dem gewohnten Training anzufangen. Ein ganz normalerSpaziergang kann Patienten

schon völlig erschöpfen. Long-Covid braucht einen anderen Therapieansatz. Das

können aber bislang nur sehr wenige Reha-Kliniken leisten, weil das Know-how einfach noch fehlt. Wie gesagt:

62 Symptome sind bekannt. Die muss man alle immer im

Hinterkopf behalten.

Gesundheitliche Langzeitfolgen werfen bei vielen Betroffenen und Angehörigen Fragen auf. Wie können Sie diesen Menschen helfen?

Im Normalfall rufen die Menschen erst einmal bei uns an. Uns ist es am liebsten, dass

uns Betroffene eine E-Mail schreiben. Der Andrang ist einfach zu groß geworden. Diese E-Mail ist für mich extrem wichtig. Aus ihr sollte

hervorgehen, seit wann dieSymptome bestehen und wie

die eigene Leistungsfähigkeit ist.

Ganz am Anfang meiner

Sprechstunde habe ich die Patienten zwei Etagen Treppenlaufen lassen, zuerst runter

und dann wieder hoch – und habe vorher und anschließend die Sauerstoffsättigung

und den Puls gemessen. Daraus lässt sich therapeutisch schon sehr viel ablesen. Wenn mir jemand schreibt, dass er zwei Etagen in einem

Treppenhaus ohne Probleme schafft, dann ist das jemand,

der normal trainieren kann, wie nach einer Grippe.

Und Menschen, die nicht so leistungsfähig sind?

Wer nicht mal zehn Stufenhochkommt, für den kommt

aus meiner Sicht nur eine Reha infrage. Die meisten Deutschen ticken ja so, dass sie nach einer Krankheit eine

Tablette schlucken, eine Woche später wieder bei der Arbeit sind und glauben, damitsei alles gut. Das funktioniert

bei Long-Covid nicht. LongCovid hat seinen Namen echt verdient.

Wie kommen Betroffene an eine Reha?

Voraussetzung ist, dass mannach einer Corona-Infektion

sich selbst mit seinen Symptomen auseinandersetzt, sich beobachtet. Wenn der Verdacht besteht, Langzeitfolgen

zu haben, muss man zu seinem Hausarzt und die Symptome schildern. Denn den Reha-Antrag muss der Hausarztstellen. Die Reha-Klinik entwickelt dann ein Konzept,

das meist auf Monate ausgelegt ist. Dabei geht es darum, in Reha-Sportgruppen im Anschluss an die Reha solange

zu trainieren, bis man wieder fit ist.

Berichte von Betroffenen, die sich in Arztpraxen nicht ernst genommenfühlen, gibt es zuhauf. Sind die Hausärzte ausreichend auf Long-Covid vorbereitet?

Das ist in der Tat ein Problem. Viele Hausärzte sind überfordert. Die herkömmliche Diagnostik zeigt bei Long-Covid

meist keinen pathologischen Befund. Es gibt keine Parameter, aus denen man direkt ablesen kann, dass jemand betroffen ist. Das BelastungsEKG und die Sauerstoffsättigung können beispielsweise

völlig normal sein. Das macht es so schwierig, dieses Krankheitsbild zu fassen, zu deuten und zu therapieren. Deshalb wäre es wichtig, dass es mehr spezielle Sprechstunden gibt.

Ihre Sprechstunde ist eine von gerade einmal drei Stück in ganz Hessen. Gibt es Zahlen darüber, wie viele Hessen derzeit Long-Covid haben?

Ja. Etwa 40 000. Und die Zahl

wird weiter steigen, wie Hochrechnungen zeigen. Deshalb sind drei Sprechstunden viel zu wenig.

Wie viele Menschen leiden nach einer Corona-Infektion unter Langzeitfolgen?

Hierzulande ging man mal

davon aus, dass sieben bis zehn Prozent aller Infizierten

Long-Covid-Symptome entwickeln. Da haben natürlich viele Ärzte gedacht, wir übrigens auch, dass diese vergleichsweise geringe Menge

im hausärztlichen Bereich gut aufgehoben sein dürfte.

Warum also spezielle Sprechstunden anbieten?     Aktuelle Zahlen gibt es zwar nicht aus

Deutschland, aber aus Asien und Amerika. Und diese Zahlen liegen deutlich höher –

und zwar bei 40 Prozent der Covid-Erkrankten. Wenn wir

das hochrechnen, rollt eine echte Welle auf uns zu. Wir

sind jedenfalls schon jetzt überlaufen.

Wie groß sind die Chancen, Long-Covid-Symptome zu heilen oder zumindest zu lindern?

Wenn Long-Covid erkannt

und gezielt behandelt wird, liegt die Chance, die Symptome zumindest zu lindern, bei

90 Prozent.

(Sebastian Schaffner)

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