Beratungsstelle beobachtet Zunahme

Häusliche Gewalt: Mehr Frauen im Werra-Meißner-Kreis suchen Hilfe

Schatten einer Person, die sich gegen einen Angriff verteidigt (Symbolbild)
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Mehr Frauen im Werra-Meißner-Kreis suchen Hilfe (Symbolbild)

Die Zahl der Menschen, die wegen häuslicher Gewalt Hilfe suchen, hat zugenommen. Das berichtet die Beratungs- und Interventionsstelle des Vereins Frauen für Frauen im Werra-Meißner-Kreis

Werra-Meißner – Wegen häuslicher Gewalt haben im zweiten Coronajahr mehr Menschen die Beratungs- und Interventionsstelle des Vereins „Frauen für Frauen – Frauen für Kinder im Werra-Meißner-Kreis“ aufgesucht als im Jahr 2020. Nach Angaben der Beratungsstelle ist die Zahl der Hilfesuchenden während Corona um etwa fünf Prozent gestiegen: 141 Fauen, ein Mann und eine diverse Person haben sich bislang an die Beraterinnen des Vereins gewandt (Stand Ende November).

„Wir haben den Eindruck, dass die Straftaten massiver und häufiger werden, wahrscheinlich aus Frust und Zukunftsängsten, verstärkt durch die Pandemie“, erklärt Diplom-Sozialarbeiterin und -Sozialpädagogin Amy Wiedermann-Claar von der Frauenberatungsstelle. Gewalt findet dabei nicht nur körperlich statt, sondern in den meisten Fällen auch psychisch und seelisch. „Es ist zu beobachten, dass die digitale Gewalt eine weitere große Gefahr für Frauen und Mädchen darstellt“, sagt sie. In diesem Jahr gab es im Gegensatz zu 2020 über die Sommermonate zudem keinen Abfall der Anfragen, Anzeigen und Hilfesuche gingen durchgängig bei dem Verein ein.

„Wir gehen stark davon aus, dass die Anzeigen bei der Polizei steigen werden“

Häusliche Gewalt ist ein Thema, das auch die Beamten der Polizei des Landkreises immer wieder beschäftigt. Aktuelle Zahlen aus 2021 werden aber erst mit der polizeilichen Kriminalstatistik Anfang 2022 bekannt gegeben, wie Polizeisprecher Jörg Künstler auf Nachfrage unserer Zeitung mitteilt. Zuletzt konnte die Polizei jedoch keinen coronabedingten Anstieg feststellen: 2018 gab es 209 offizielle Fälle von häuslicher Gewalt, 2019 und 2020 jeweils 161. „Wir gehen stark davon aus, dass die Anzeigen bei der Polizei steigen werden“, sagt Wiedermann-Claar mit Blick auf ihre Beobachtungen in diesem Jahr.

Die Frauenberatungsstelle weist darauf hin, dass sich nicht jede Betroffene an die Polizei wendet und den Täter anzeigt – häufig sogar, um den Partner zu schützen. Insbesondere erst bei massiver körperlicher Gewalt werde die Polizei hinzugezogen, die Gewalt beginne jedoch viel früher.

Körperlich, seelich, psychisch, struktuell, digital: Gewalt hat viele Gesichter

Gewalt in der Partnerschaft bedeutet nicht nur Misshandlung und sexuelle Übergriffe. Gewalt findet auch psychisch statt, sie hat viele Gesichter und beginnt oft schleichend, in kleinen Schritten, wie Diplom-Sozialarbeiterin und -pädagogin Amy Wiedermann-Claar von der Beratungsstelle des Vereins „Frauen für Frauen – Frauen für Kinder im Werra-Meißner-Kreis“ erklärt.

Hauptsächlich seien dabei Frauen betroffen, die in Teilzeit arbeiten, sich in Ausbildung befinden oder zu Hause und für die Kinder zuständig sind. Voll berufstätige Frauen, die in der Partnerschaft gleichgestellt sind, seien auch hin und wieder betroffen, jedoch seltener. „Diese Frauen haben ein ganz anderes Standing“, begründet Wiedermann-Claar.

Kontakt für Hilfesuchende

Verein Frauen für Frauen - Frauen für Kinder im Werra-Meißner-Kreis: Frauenberatungsstelle unter Tel. 05651/7843, per Mail: beratung@frauen-fuer-frauen-im-wmk.de; Frauenhaus: Tel. 05651/3 26 65; Polizei: 110; Männerberatung: 05651/ 30 76 20; E-Mail: beratungsstelle@awo-eschwege.de; Beratungsstelle für Kinder gegen sexuelle Übergriffe Allerleirauh: Tel. 05651/7843

Die Gewaltspirale beginne häufig unterschwellig, zum Beispiel mit zunächst verbalen Herabsetzungen der Frau: „Wie siehst du denn wieder aus?“ bis hin zu „Ohne mich wärst du nichts“, seien Sätze, die Klientinnen häufiger hören. „Darüber sehen viele schnell hinweg. Wenn keine Gegenwehr stattfindet, kommt der nächste Schritt“, erklärt die Frauenberaterin.

Langsam steigere sich der Partner dann, isoliert die Frau von Freunden und Familie, gibt ihr keine Verfügung über finanzielle Mittel, sodass sie völlig abhängig wird. Diese strukturelle Gewalt sei auch im Werra-Meißner-Kreis immer häufiger zu beobachten. Das gelte auch für digitale Gewalt: Belästigung über das Handy rund um die Uhr, Stalking von Ex-Partnern und Verunglimpfungen im Internet.

„Die Grenzen werden ausgelotet und verschieben sich nach und nach“, sagt Wiedermann-Claar. Irgendwann wird Gewalt auch körperlich. Massive Fälle in Partnerschaften gibt es auch im Werra-Meißner-Kreis, direkt vor der Haustür, wie die Frauenberaterinnen wissen. „Letztens hatten wir einen Fall, da hat der Mann seiner Frau das Genick gebrochen“, erzählt Wiedermann-Claar. Dem Rettungsdienst habe er erzählt, sie sei gestürzt, es sei ein Unfall gewesen. Erst später habe sich die Frau einem Sanitäter anvertraut.

Frühzeitig Beratung aufsuchen, nicht erst bei körperlicher Gewalt

Die Frauenberaterinnen rufen dabei dazu auf, sich nicht erst zu melden, wenn Gewalt körperlich geworden ist. Jedes Mädchen und jede Frau kann sich frühzeitig beraten lassen. Gemeinsam mit den Frauen arbeiten die Frauenberaterinnen Anja Axt und Amy Wiedermann-Claar dann daran, ein sicheres Umfeld zu schaffen.

Schwer sei es, wenn Kinder im Spiel sind und es um den Umgang nach einer Trennung geht. Vor Gericht stehe es dann Aussage gegen Aussage. Den Kindern, heiße es oft, habe der Täter außerdem nichts getan. Die Expertinnen wissen: „Nur weil die Frau weg ist, endet die Gewalt nicht.“

Über die Kinder versuchten viele, an die Frau wieder heranzukommen und übten weiter Macht aus. „Bei fast all unseren Fällen stellen wir fest, dass die Trennung von häuslicher Gewalt (an der Frau) und das Umgangsrecht des Mannes ein nicht hinnehmbares Problem darstellt“, so heißt es vonseiten der Frauenberatungsstelle.

Auch wenn die Frauenberatungsstelle stets die Kinder in ihren Beratungen mitbedacht habe, wolle sie nun einen gesonderten Schwerpunkt auf die Rolle des Kindes nach häuslicher Gewalt setzen. Denn häusliche Gewalt sei Kindeswohlgefährdung, begleitet von Traumata. Sie wachsen auf und sehen Gewalt als Normalität an.

„Unser Handlungsziel besteht langfristig darin, Standards zu erarbeiten, welche einen verbindlichen Weg und Handlungsplan beziehungsweise Leitfaden für alle Beteiligten darstellen“, sagt Amy Wiedermann-Claar. Diese einheitlichen Standards sollen dann kreisweit gelten. Der Leitfaden dient dem Schutz der Kinder und Frauen.

Von Jessica Sippel

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